Zum Wochenbeginn überraschte der DPV mit einer seiner raren Pressemeldungen – aber diese Neuigkeit hatte es wirklich in sich. Der Pétanque-Bundesverband veröffentlichte einen Masterplan zum Aufbau eines Bundesleistungszentrums. Im Laufe von fünf Jahren will der Verband zirka 3,5 Millionen Euro einnehmen. Die Mittel sollen dazu eingesetzt werden, eine Halle mit 32 Feldern, moderner Infrastruktur und zeitgemäßem Video-Equipment für professionelle Live-Übertragungen zu bauen. Der Beginn der Arbeiten ist für das Jahr 2027 geplant.
„Die Idee lag schon länger in der Schublade, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen um sie umzusetzen“, so wird DPV-Präsident Michael Dörhöfer in der Pressemitteilung zitiert. „Wir brauchen ein Bundesleistungszentrum, um uns weiter in der Weltspitze zu etablieren.“
Wie aus gut informierten Kreisen zu vernehmen ist, war das Hallenprojekt in Karben der Auslöser für den DPV, nunmehr mit seinen Plänen an die Öffentlichkeit zu gehen. In der hessischen Kleinstadt hatte der örtliche Verein 1. PC Petterweil im letzten Jahr eine Boulehalle mit zehn Spielfeldern eröffnet. Das ambitionierte Ziel einer eigenen Halle wurde mit Kosten von weniger als 200.000 Euro verwirklicht.
„Das hat den Ehrgeiz des DPV angestachelt“, so beleuchtet ein DPV-Mitarbeiter, der nicht genannt werden will, den Hintergrund der Meldung. „In Karben hatte der Verein mit 130 Mitgliedern ein solches Hallenprojekt gestemmt. Im DPV sind knapp 27.000 Spielerinnen organisiert. Die Frage, warum ein großer Bundesverband mit ganz anderen Möglichkeiten so etwas nicht hinbekommt, stand bei uns immer offensichtlicher im Raum.“
Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass Präsident Dörhöfer mit seiner Vision, eine Pétanque-Weltmeisterschaft nach Deutschland zu holen, keinen großen Rückhalt im Verband hat. „Für ein einmaliges Event viel Geld zu verbrennen, anstatt es nachhaltig in die Entwicklung unseres Sports zu investieren, das hatten wir als Verband ja schon 1996 bei der WM in Essen praktiziert,“ so meint der DPV-Insider, der auf Quellenschutz bestand. „Wir wissen heute natürlich, dass das damals ein Fehler war. Das sechsstellige Defizit mussten nach der WM letztlich alle im DPV organisierten Spieler bezahlen.“
Wenn die im DPV organisierten Vereinsmitglieder sowieso die Zeche begleichen müssen, man aber von einer Ausrichtung der WM Abstand nimmt, dann könnte man die Spieler ja auch gleich pro-aktiv zur Kasse bitten, so dachte wohl der DPV-Vorstand. Allerdings sind zur Finanzierung ebenso wie zur geplanten Lage der Sportstätte offiziell vorerst nur wenige Details zu erfahren.
Doch die Dimension des Projekts wird deutlich, wenn man Hartmut Lohß’ Ausführungen folgt. Der Vizepräsident Finanzen im Bundesverband führt in der Pressemitteilung aus: „Wir denken über einen Zusatzbeitrag pro Spieler von 24 Euro pro Jahr nach. So kämen pro Jahr zirka 650.000 Euro zusammen, aufgrund des Mitgliederzuwachses mit steigender Tendenz. Bei dem voraussichtlichen Baubeginn im Jahr 2027 hätten wir damit bereits weit mehr als eine Million Euro zur Verfügung – Fördergelder sind da noch nicht mal berücksichtigt. Jedes weitere Jahr könnten wir den Etat um deutlich mehr als eine halbe Million Euro aufstocken. Zudem käme das Projekt ohne Kredite aus, so dass in kurzer Zeit ein echter Wert für die deutsche Pétanque-Szene entstehen wird“, so meint der Finanzfachmann des DPV.
Auf Nachfrage beim Vizepräsident Inneres des DPV, Karl-Josef Flühr, äußerte dieser, dass es an der Zeit sei, das Image unseres Sports endlich ernsthaft zu verbessern. „Immer wieder fragen mich Bekannte, was die eher zufällig hingekullerten Boules der Rentner im Park mit Sport zu tun hätten und wozu sie dabei Spültücher bräuchten“, so Flühr.
„Mit unserem Masterplan werden wir die sportliche Variante forcieren, also das Pétanque – wie es ja auch in unserer Satzung eindeutig gefordert wird. Mit einem Bundesleistungszentrum und tollen Übertragungen von Wettbewerben werden wir in der Lage sein, auch jungen Menschen ein ganz anderes Bild unserer faszinierenden Sportart zu vermitteln.
Zudem werden wir mit gezieltem Training das sportliche Niveau anheben. Unser bisheriges Konzept war ja, dass wir die Pétanque-Gemeinde vor jedem großen internationalen Turnier eindringlich gebeten haben, die Daumen zu drücken. Unsere sportliche Leitung hat nun das Präsidium informiert, dass das entgegen allen Erwartungen nicht erfolgreich war.“
Nicht ganz unumstritten dürften die Äußerungen des DPV im Rahmen der Pressemitteilung sein, die den immer noch nicht erreichten olympischen Status des Pétanque betreffen. Präsident Dörhöfer äußert sich dazu insbesondere zur Sportart Curling: „Wenn ich bedenke, dass in Deutschland gerade mal 750 Menschen curlen, der Curling-Verband aber bereits seit 2006 ein Bundesleistungszentrum betreibt, dann sehe ich eine bedenkliche Diskrepanz zu unserem Verband, der für mehr als 35 mal so viele Sportler Verantwortung trägt. In der Randsportart Curling gibt es seit 1998 olympische Wettbewerbe. Ist denn die Benutzung von Besen statt Spültüchern besser für eine olympische Präsenz?“, so fragt Dörhöfer in der Pressemitteilung seines Verbands.
Diese recht tendenziöse Passage erweckte bei manchen den Verdacht, dass das eigentlich für Pressearbeit zuständige Kommunikations-Team die Pressemitteilung nicht gegengelesen hat und so die inhaltlich richtige, aber doch seltsam anmutende Äußerung zum Curling durchrutschen konnte. Das wäre wenig verwunderlich, denn Pressemitteilungen gab es beim DPV seit Jahren nicht mehr. Es ist nicht auszuschließen, dass die heutige Kommunikationsabteilung des Verbands gar nicht mehr weiß, was genau eine Pressemitteilung ist.
Andere Experten bezweifelten gar den grundsätzlichen Wahrheitsgehalt der Meldung und stuften sie als Fake News ein. Ein Kenner der Szene aus dem hohen Norden brachte den Sachverhalt trocken auf den Punkt: „Pressemitteilung und DPV? Das wäre so wie Karfreitag und erster April an einem gemeinsamen Dienstag.“