Was bisher geschah
In der ersten Folge (Freiburger Antipathien) erlebte ich bei einem Besuch in Freiburg, dass bestimmte SpielerInnen nicht miteinander konnten. Sie weigerten sich, eine gemeinsame Partie zu spielen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich wenige Wochen später selbst von einer solchen Verweigerungshaltung betroffen sein würde.
Dieses Ereignis steht im Mittelpunkt der zweiten Folge (Jacques). Darin schildere ich, wie ein Mitspieler aus meinem kleinen Brachttaler Verein mitten in einer Partie lautstark schimpfend aussteigt und verkündet, nicht mehr mit mir spielen zu wollen.
In der dritten Folge beschäftige ich mich nun mit der grundsätzlichen Problematik: Kann oder darf man das Spiel mit einer bestimmten Person verweigern?
Kann man das? Ja. Sollte man das? Nein. Andere beim Pétanque auszugrenzen, ihnen also die Türe zuzuschlagen, ist keine Option, wenn man unseren eigentlich ja verbindenden Sport betreibt. Innerhalb eines Vereins schon deshalb nicht, weil man ja dem selben Verein angehört – und sich deshalb den selben Zielen verschrieben hat. Dafür muss man die Ziele allerdings auch kennen – und der Verein muss dafür sorgen, dass sie gelebt werden. Aber gibt es vielleicht doch Situationen, in denen man sich mit Fug und Recht verweigern kann?
Die Büchse der Pandora
Die Artikelserie besteht aktuell aus drei Folgen:
Eine weitere Folge ist geplant.
In der Satzung meines Brachttaler Vereins steht: „Zweck des Vereins ist die Förderung des konzeptlosen Herumkegelns als Ergänzung belangloser Schwätzchen.“ Jedenfalls könnte das eine zufällige BesucherIn, die eine Partie auf unserem Boulodrome verfolgt, mit einiger Berechtigung denken.
Natürlich steht da etwas völlig anderes: „Zweck des Vereins ist die Förderung des Sports.“ So steht es in der Satzung.1 Es geht in unserem Verein also doch nicht vorrangig um geselliges Beisammensein. Woher soll man das aber als Mitglied wissen, wenn man die Satzung nicht kennt? Woher soll man das wissen, wenn der Verein nichts tut, um das Vereinsziel zu fördern?
Es geht also um Pétanque-Sport. Der hat seine Regeln.2 In denen kann ich beim besten Willen keine Passage entdecken, die angeregte Unterhaltungen während eines Spiels zulässt oder gar fördert. Das Gegenteil ist der Fall. Aber auch hier gilt: Woher soll man das wissen, wenn man die Regeln nie gelesen hat? Und viele AnfängerInnen haben schlicht keine Lust, sich damit zu beschäftigen.3
Gemeinnützigkeit
Liege ich falsch, wenn ich behaupte, dass es die Aufgabe eines Vereins ist, seine in der Satzung festgelegten Ziele umzusetzen? Immerhin wurden diese bei der Vereinsgründung beschlossen, vom Vereinsgericht abgenickt und gelten als Grundlage für den offiziell zuerkannten Status der Gemeinnützigkeit. Mag jemand dagegen argumentieren? Bitte sehr – aber das dürfte schwierig werden.
Zur Umsetzung des Vereinsziels müsste also logischerweise ein – wie auch immer geartetes – Angebot an die Mitglieder bestehen, um diese Ziele zu verfolgen. Wenn das tägliche Vereinsleben aber lediglich aus rumdaddeln und schwatzen besteht, dann kann sicher nicht davon ausgegangen werden, dass der Vereinszweck tatsächlich verfolgt wird.
Die Verantwortung liegt beim Vorstand. Auf die möglichen Folgen – die Aberkennung der Gemeinnützigkeit wäre zwangsläufig mit einem Ausscheiden des Vereins aus dem Landesverband verbunden4 – will ich an dieser Stelle nicht eingehen.
Ein Blick auf den Platz
Bei uns im Verein wird das Pétanque-Spiel der Neulinge durch zufällige Verhaltensweisen auf dem Platz geprägt. Was da passiert, dient als mögliche Blaupause für das eigene Verhalten auf dem Platz. Ob das immer so richtig ist, sei dahingestellt. Wenn es – vielleicht sogar prominente – Vorbilder gibt, dann werden Neulinge deren Verhalten als richtig einstufen.
Eine prägende Figur in meinem Verein in Brachttal ist der Vizepräsident Schiedsrichterwesen im Deutschen Pétanque-Verband. Er ist also der höchste Regelhüter in Deutschland. In meinem Verein ist er Vorstandsmitglied. Er und ich haben diesen Verein zusammen mit fünf anderen BoulistInnen gegründet.
Er ist der sympathische „Alles-gut-Typ“.5 Gerne plaudert er über Gott und die Welt, auch auf dem Bouleplatz. Angeregt und anhaltend. Sein Redeschwall kann blutende Ohren zur Folge haben. Er redet auch gerne dann ungehemmt weiter, wenn ein Spieler oder eine Spielerin der gegnerischen Mannschaft im Kreis steht. Dann ist nicht mehr „alles gut“, finde ich.
Wir lernen: Die bloße Kenntnis des Regelwerks ist wohl doch nicht entscheidend für das Verhalten auf dem Platz. Selbstverständlich kennt der Bundes-Vizepräsident für das Schiedsrichterwesen die Regeln. Sollte er ja wohl auch. Er belegt das dadurch, dass er manchmal Ruhe für sich einfordert, wenn er eine Kugel spielt.
Natürlich ist sein Verhalten auf dem Platz für AnfängerInnen prägend. Wenn der Präsident quasselt, dann darf ich das doch wohl auch, oder?
Kontrollierter Spaß
Nichts spricht in Freizeitrunden, die Pétanque spielen wollen, dagegen, sich über das Spiel auszutauschen – solange man sich darüber einig ist. Dass das – genau genommen – nur die Mannschaft darf, die gerade spielen muss,6 kann für Freizeitrunden weitgehend vernachlässigt werden: Während eines solchen Spiels gehören Fachdiskussionen – soweit sie nicht den Rahmen sprengen – dazu. Genauso dürfte auf dieser Ebene kaum jemand etwas gegen einen Spaß oder etwas Cinéma haben.
Es sollte trotzdem nicht allzu schwierig sein, sich in den entscheidenden Augenblicken still und respektvoll zu verhalten. Über Allerweltsdinge kann man sich zwischen des Partien unterhalten. So sollte das funktionieren, wenn man sich zum freundschaftlichen Wettkampf an einem Mittwochnachmittag trifft.
Jedoch sollte in einem Pétanque-Club grundsätzlich klar sein: Man trifft sich zum Pétanque spielen.
Jacques: Ursachen
Was mögen die Ursachen des Vorfalls mit Jacques gewesen sein, der in der zweiten Folge der Pandora-Serie beschrieben wurde? Meine Fokussierung auf Pétanque hat bei Jacques offenbar etwas ausgelöst, das zumindest als Unbehagen bezeichnet werden kann, vielleicht sogar mehr. Das habe ich nicht erkannt.
Anstatt mich in Jacques‘ Probleme einzufühlen, habe ich mich mit den grundlegenden Fragen unseres Sports beschäftigt. Hätte ich diese ausblenden sollen? Legen oder Schießen – die verschiedenen Optionen mit allen Aspekten in ihrer Komplexität zu erfassen, gemeinsam zu besprechen und zu lösen, das hat mich interessiert! Jacques hatte meinen Ansatz offenbar nicht verstanden. Ich habe ihm den offensichtlich nicht in ausreichendem Maße vermittelt. Der Verein hatte nichts getan, um seinen Aufgaben gerecht zu werden.
Das Ergebnis waren Jacques‘ Ausbruch und seine Weigerung, mit mir zu spielen.
Ist Verweigerung eine Lösung?
Die Weigerung, nicht mehr mit jemandem oder gegen jemanden zu spielen, bedeutet das Ende des auskömmlichen Miteinanders in einem Verein. Einmal losgetreten – und die Büchse der Pandora ist geöffnet. Auch in lockeren Gruppen von Spielenden, die verschiedenen Vereinen oder auch gar keinem angehören können, so wie es in Freiburg der Fall war (siehe Folge 1 der Pandora-Serie), wird das gemeinsame Gefüge gestört. Das ist weder im Sinne des Pétanque, noch im Sinne der beteiligten Menschen.
Ich will dabei nicht behaupten, dass solche Situationen nie vorkommen sollten oder dürfen. Nein, natürlich gibt es Fälle, in denen Zeichen gesetzt werden müssen. Mir fällt dazu praktischerweise ein Beispiel ein, das in diese Artikelserie passt, denn es spielte zu meiner aktiven Zeit in Freiburg in den 1990er-Jahren: Ein deutscher Spitzenspieler äußerte sich im gemütlichen Beisammensein offen und auch auf verwunderte Nachfrage eindeutig fremdenfeindlich. Eindeutig. Keine Zweifel.
Ich war baff! Da spielte jemand häufig im Team mit anderen verschiedenster Herkunft, wenn er sich davon einen Vorteil versprach – positionierte sich aber generell gegen die Anwesenheit „fremder“ Menschen in der Bundesrepublik. Mir war klar: Mit so jemand würde ich niemals als Partner antreten, gegen so jemand nur unter dem Zwang eines Turniers.
Das Formieren mit guten SpielerInnen aus rein sportlichen Gründen ist ein zweischneidiges Schwert. Es wäre ein Thema für einen eigenen Artikel. An dieser Stelle möchte ich lediglich klarstellen, dass ich mich nicht mit einem ausländerfeindlichen Nationalisten für ein Turnier formieren würde. Ich halte das für einen schwerwiegenden und somit ausreichenden Verweigerungsgrund.
Das selbe gilt für das lockere Auswerfen im Verein, um Mannschaften nach dem Zufallsprinzip zu bilden. Wäre da ein rassistischer Depp dabei, würde ich mich sehr wahrscheinlich weigern, mit dieser Person zu spielen. Zum Glück ist das noch nie vorgekommen, was daran liegen dürfte, dass solche persönlichen „Feinheiten“ von diesen Deppen zumeist nicht mit auf das Boulodrome genommen werden. Vielleicht merken die armen Würstchen, dass Pétanque mehr Verbindendes als Trennendes hat – und halten sich mit ihrer menschenverachtenden Weltanschauung auf dem Platz zurück.
Das Spiel mit AnfängerInnen
Ich habe also bisher nie eine Spielpaarung abgelehnt. So hatte ich auch mit „meinem“ Jacques viele Spiele bestritten, ebenso wie mit allen anderen Mitgliedern meines Vereins. Nicht immer haben mir diese Partien allerdings so richtig Freude bereitet, denn das Niveau war häufig eher schwächer – was aufgrund der diversen AnfängerInnen in unserer Brachttaler Gruppe erwartbar war.
Ich erwähne das, weil ich klarstellen möchte, was manche SpielerInnen vielleicht nicht wahrgenommen haben: Nicht immer waren diese Partien eine uneingeschränkte Freude. Manchmal fuhr ich sogar gefrustet nach Hause. Trotzdem wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, bestimmte Konstellationen abzulehnen. Nein, ich habe es stets als Ansporn empfunden, etwas von meinem Wissen mitzuteilen und meinen Enthusiasmus zu vermitteln.
Das habe ich in meiner gesamten Zeit des Kugelwerfens so gehalten – und manchmal durchaus mit erkennbarem Erfolg. So freute es mich beispielsweise, als ich im Finale eines kleinen Brachttaler Vereinsturniers gegen einen Neuling verlor. Dieser Anfänger hatte mit Interesse an meinem Sommertraining teilgenommen und sein Spiel erkennbar verbessert. Nach der Partie meinte er: „Du hast mir das beigebracht.“ Ich empfand das als eine freundliche Bestätigung meines Engagements auf dem Platz.
Ich habe also bei meinem Verein eher nicht auf qualitätsvolle Partien zu meinem boulistischen Vergnügen gehofft, sondern wollte meinen Teil dazu beitragen, dass die SpielerInnen unseren Sport besser verstehen.
Jacques hat mir allerdings die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ich hätte eine solche Reaktion nie vermutet. Vielmehr habe ich auf den Moment gehofft, in dem er seine sowohl technisch als auch taktisch hölzerne Spielweise erkennen und zumindest teilweise verbessern würde. Der Weg zu einem verständigen, reiferen Spiel ist bei ihm lang.
Da ich aber durchaus die eine Spielerin oder den anderen Spieler dazu anregen konnte, sich zu verbessern, hatte ich auch bei Jacques Hoffnung. Ihn hat das möglicherweise nie beschäftigt?
Friede und Freude
Gerne erinnere ich mich an den Moment, als wir in Brachttal mal wieder ausgerechnet sieben SpielerInnen waren und ich – um eines dieser unsäglich Spiele „drei gegen vier“ zu vermeiden – in die Runde fragte, ob jemand ein Tête-à-tête gegen mich spielen würde. Jacques wollte. Wir spielten also unsere Partie. Danach lud ich ihn auf ein Glas Wein ein und wir quatschten angeregt – über Pétanque. Dann spielten wir die Revanche …
Die meisten Partien mit Jacques gehörten in die Kategorie schwächerer Spiele. Stets versuchte ich, in diesen Fällen ein wenig meiner Kenntnisse zu vermitteln. Selbstverständlich ging ich davon aus, dass die Mitglieder eines Pétanque-Vereins daran interessiert sein würden, von einem Spieler, der den Sport seit fast 40 Jahren ausübte, einen Hinweis zu bekommen, wenn sie ratlos formulierten: „Ich weiß nicht, was ich jetzt spielen soll.“
Doch dann kam diese Reaktion von Jacques. Wie konnte das geschehen? Die Wohlfühlwelt in unserem Verein war ersichtlich erschüttert. Die Tür war zu. Zumindest für mich. Wichtig war nun: Wie würde der Verein reagieren? Wie die einzelnen Mitglieder? Ich hatte keine Zweifel, wie das laufen würde. Allerdings sollte ich mich wieder einmal irren.
- Die Satzung meines Vereins, des Pétanque-Club Boulodrome Brachttal, beschlossen am 7. Januar 2023 von sechs anderen Gründungsmitgliedern und mir, ist hier nachzulesen. ↩
- Ich habe das Gefühl, dass auch an dieser Stelle ein Hinweis hierauf nicht schaden kann: Offizielle Pétanque-Spielregeln, herausgegeben vom Deutschen Pétanque-Verband, 2021 ↩
- Dass auch viele bessere und teils auch SpitzenspielerInnen in Deutschland lediglich rudimentäre Regelkenntnisse haben, damit beschäftigt sich Franks Pétanque in der Rubrik Regeln? Mäßig!. ↩
- siehe: Zum Procedere einer Aufnahme in den HPV, zuletzt abgerufen am 10. November 2025 ↩
- Wie lange gibt es die oberflächliche Floskel eigentlich schon? Bereits im Jahr 2018 hat der großartige Wiglaf Droste auf die Gedankenverirrung hingewiesen: In dem Artikel Alles gut? schreibt er, dass er die drei Silben in den letzten Jahren häufig gehört habe. Vielleicht ist die Floskel bereits im pubertären Alter? Ich bin allerdings von seinem Artikel etwas enttäuscht. Es fehlt ihm die Schärfe. Wäre Droste nicht ein Jahr später verstorben – ich bin sicher, er hätte zu diem Thema nachgelegt. An die Sau …
Die Journalisten Violetta Simon schreibt Ende 2021 in einer Kolumne der SZ unter dem Titel Gar nichts ist gut! schon deutlicher: „Der Ausdruck ‚Alles gut‘ vereitelt jede Chance auf Nähe und ehrliches Miteinander. Höchste Zeit, sich die Beschwichtigungsfloskel wieder abzugewöhnen.“
Quellen:
Droste, Wiglaf (2018): Alles Gut?, https://www.jungewelt.de/artikel/328182.alles-gut.html , 11. November 2018, zuletzt abgerufen am 10. November 2025.
Simon, Violetta (2021): Gar nichts ist gut!, https://www.sueddeutsche.de/panorama/alles-gut-floskel-wiglaf-droste‑1.5478171, 2. Dezember 2021, zuletzt abgerufen am 10. November 2025. ↩ - Artikel 17 der internationalen Pétanque-Regeln regelt im ersten Satz des zweiten Absatzes unter anderem, dass ein Spieler seine Gegner nicht stören darf: „Die Gegner dürfen [… nichts …] tun, was den Spieler stören könnte.“ ↩




