Schuss für zwei, selbst noch im Bild geblieben: Die Doublette-Partnerin beendete unsere erste Partie mit einem krachenden Retro. Wir hatten für unsere Verhältnisse überraschend gut gespielt und letztlich deutlich gewonnen. Dann folgte die zweite Partie des kleinen Hallenturniers. Es sollte aus meiner Sicht als Desaster enden.
In dieser zweiten Partie ging es gegen – ich nenne sie mal Wally1 und Partner. Wir überraschten uns und unsere Gegner mit noch etwas besserem Spiel als vorher und führten deutlich. Dass wir dann keinen weiteren Punkt mehr machten, könnte man als alltäglich bezeichnen – die Umstände waren aber alles andere als das. Was war geschehen?
Erfundener Vorwurf
Die Doublette-Partnerin bereitete sich beim Stand von 8 zu 2 auf ihre zu spielende Kugel vor. Ich ging zum Kugelbild, um sie gegen die kurz hinter dem Cochonnet stehenden Gegner abzuschirmen. Bereits mehrfach hatten sie sich nicht an den Rand der Bahn gestellt, sondern unzulässigerweise in direkter Sichtlinie hinter die Zielkugel. Auf meine Bitte waren sie einmal beiseite gegangen, wiederholten den Regelverstoß aber. Statt eines erneuten Hinweises war also Abschirmen angesagt, wenn die Stimmung auf dem Platz nicht kippen sollte.
Ich war noch nicht am Cochonnet angekommen, da sprach mich Wally an. Ich solle irgend etwas unterlassen, so seine Forderung.
Was genau, das hatte ich nicht verstanden und fragte deshalb nach. Sein Partner antwortete etwas von „Missverständnis“, was beruhigend klang – es war aber erkennbar, dass die Beiden nicht einer Meinung waren.
Während sein Partner versuchte zu deeskalieren, war seitens Wally ein deutlicher Vorwurf zu vernehmen. So viel hatte ich mitbekommen: Ich sollte eine Regel verletzt haben.
Ich war mir keiner Schuld bewusst und etwas irritiert. Worum ging’s denn? Lag nun lediglich ein Missverständnis vor oder doch ein Regelverstoß? Ich fragte nochmals nach. Unmissverständlich und recht rüde wies mich Wally darauf hin, dass ich während einer Aufnahme keine bereits gespielten Kugeln aufnehmen dürfe.
Ja, Recht hat der Kerl2 – natürlich darf niemand eine bereits gespielte Kugel während einer Aufnahme aufheben – aber das hatte ich ja auch nicht getan. Nicht in den letzten 40 Jahren und auch nicht in dieser Partie. Wie also kam Wally dazu, so einen Vorwurf zu äußern?
Ich merkte, dass ich anfing, mich unbehaglich zu fühlen. Letztlich schwebte der Vorwurf des Betrugs über der Szene: Wollte man mir unterstellen, dass ich den Gegner über die Anzahl der noch zu spielenden Kugeln täuschen wollte? Vermutete man gar, dass ich eine Kugel zweimal spielte? Ausgeschlossen war das nicht.
Cinema?
Vielleicht war man aber lediglich daran interessiert, mittels ein wenig unappetitlichen Cinemas eine unerwartete Niederlage zu vermeiden? Dachte man daran, uns mental aus dem Konzept zu bringen?
Natürlich wies ich den an mich gerichteten Vorwurf zurück. Wieder kam der Einwand eines Missverständnisses von Wallys Partner. War diesem die Angelegenheit einfach nur unangenehm oder wollte er das Durcheinander noch befeuern? Was genau von wem missverstanden worden war, wurde nicht geklärt.
Die Doublette-Partnerin hatte die kurze Debatte bemerkt und kam hinzu. Sie fragte, ob es ein Problem gäbe. Die Situation wurde ihr erklärt. Bereits da merkte ich, dass ich den Vorwurf nicht einfach wegstecken konnte. Wally sagte nichts mehr. Keine weitere Erklärung folgte, keine Bitte um Entschuldigung. Die Stimmung wurde eisig.
Mein Spiel brach völlig ein: Ich verzeichnete ab diesem Zeitpunkt noch genau einen Treffer. Auch die Doublette-Partnerin brachte kaum noch eine Kugel. Wir machten keinen Punkt mehr, verloren 8 zu 13.
Einfach hinnehmen?
Nun hätten manche diesen Coup unseres Gegners sicherlich kommentarlos hingenommen. Danach war mir aber gar nicht. Währens des Spiels war ich still. Danach allerdings bemerkte ich: „Das war ein dreckiger Sieg.“ Wally stutze kurz. Dann antwortete er höhnisch: „Heul doch! Heul doch!“ – und weg war er. Das war ein weiterer, gezielter Affront.
Sein Partner fand meine Bemerkung nicht angemessen. Ausführlich erklärte er mir, dass der Vorfall bestimmt kein böser Wille gewesen sei. Schließlich hätte sein Team auch mit dem Geschehen zu kämpfen gehabt. Dass sie nach dem Vorfall elf Punkte am Stück, wir aber keinen mehr gemacht hatten, war ihm wohl entgangen. Ich entzog mich seinem Redeschwall, als er eine nie stattgefundene Entschuldigung Wallys behauptete.
Spiele robust!
Nun könnte man sagen: Frank, spiele einfach robuster, lass dich nicht von Mätzchen beeinflussen. Ja, könnte man – und ich wäre froh, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre. Der völlig unbegründete, frei erfundene Vorwurf eines Regelverstoßes hat mich aber mehr als gekränkt. Und bis jetzt verstehe ich nicht mal im Ansatz, wie jemand auf die Idee kommen kann, so einen Aspekt ohne jeden konkreten Anlass in ein stinknormales Boulespiel hineinzutragen – außer, es stecken Absicht und böser Wille dahinter.
Vorgeschmack
Nun gab es bereits einen Vorfall in der frühen Phase der Partie: Ich warf das Cochonnet auf 6 Meter, schritt die Distanz ab, fand sie ausreichend und tat das kund. Die Doublette-Partnerin ging die Strecke auch noch mal ab – mit unklarem Ergebnis. Jetzt trat Wally in Aktion. Er schritt die Distanz ab (Riesenschritte!) und kam zu dem Schluss, dass die Zielkugel zu kurz geworfen war.
Es handelte sich um ein Spiel mit Zeitbegrenzung, der Gegner lag zu dem Zeitpunkt zurück. Ich empfinde solche Situationen als eines der Probleme, die Zeitspiele mit sich bringen. Natürlich hatte niemand ein längeres Maßband parat. In diesem Augenblick dachte ich, dass ich ungern messen würde: Ich empfand die verrinnende Zeit als Nachteil für unsere Gegner und wies sie darauf hin.
Nun hätten wir auf Basis meiner Aussage eine schnelle Lösung finden können: Die Distanz hätte akzeptiert werden können, der Gegner hätte vorschlagen können, das Cochonnet einen halben Meter weiter zu platzieren. Ohne eine gemeinsame Lösung hätte man zweifelsohne messen müssen. Nichts davon fand statt, denn Wally hatte eine eigene Lösung parat:
Ohne weitere Rücksprache nahm er das Cochonnet auf, verwischte die Markierung und platzierte es an anderer Stelle (vielleicht acht Meter). Er tat dies, als wenn es das natürlichste der Welt wäre. Selbstverständlich beging er damit einen klaren Regelbruch.3
Ich guckte erstaunt, lies es aber dabei bewenden. Hätte ich gewusst, was noch kommen sollte – ich hätte bereits bei diesem Vorfall protestiert. Da keine SchiedsrichterInnen eingesetzt waren, wohl eher ergebnislos.
Fazit
Bewerte ich das Verhalten unserer Gegner, dann lautet mein Fazit: Wally und Partner verstießen mehrfach und offensichtlich bewusst gegen das Reglement. Gleichzeitig wurde mir ein nicht begangener Regelverstoß vorgeworfen. Beide erweckten den Eindruck erfahrener Spieler. Wie passt das zusammen?
War es der unbedingte Siegeswille, der von bewussten Regelverstößen bis hin zu böswilligen Unterstellungen alles erlaubte? Eine andere Erklärung ist für mich nicht erkennbar.
Wallys Partner stritt jede böse Absicht rigoros ab. Das überrascht nicht: Was sollte er auch anderes sagen? Auf die Fakten wollte er nicht eingehen. Er meinte lapidar, da stünde Aussage gegen Aussage.
Irgendwie muss man dann am Ende einer Partie trotzdem auseinandergehen – und sollte sich in die Augen schauen können. Hier hätte ich aufgrund der offensichtlichen Regelverstöße eine Bitte um Entschuldigung durch Wally als angemessen empfunden. Sein Partner suchte nach verharmlosenden Erklärungen, die aber noch nicht mal als schlechte Ausreden durchgingen. Er ignorierte die Fakten und versuchte, seinen Mitspieler wortreich zu schützen.
Fairness und Sportsgeist sehen anders aus.
Künftig werde ich nicht mehr ohne mein extra langes Maßband auf den Platz gehen – und ich werde ohne Rücksicht auf die Gegner messen. Auf Ohrenschützer gegen dummes Gebrabbel werde ich jedoch verzichten. Möglicherweise wäre ihr Einsatz ein Regelverstoß.4
- Wie ich auf das Pseudonym gekommen bin? Ich weiß es auch nicht. ↩
- Artikel 27 Absatz 1 der internationalen Regeln (vom Dezember 2020) besagt: „Es ist den Spielern verboten, gespielte Kugeln vor Ende der Aufnahme aufzuheben.“ Diese Regel gibt es seit mindestens 1995, damals war sie allerdings noch in Artikel 23, Absatz 3 untergebracht. Ältere Regelwerke sind nur schwierig zu finden. In den von Michael Hornickel in seinem im Jahr 1980 erschienenen Buch „Jeux de Boules“ zitierten Regeln findet sich eine solche Passage nicht. ↩
- Zum einen wurde gegen Artikel 6, Absatz 16 des internationalen Reglements verstoßen (Hervorhebungen durch den Autor): Die Mannschaft, die das Recht hat, die Zielkugel zu werfen, […] hat nur einen Versuch, die Zielkugel gültig zu platzieren. Ist dieser Versuch nicht gültig, wird die Zielkugel dem Gegner ausgehändigt, […].
Zudem setzte sich Wally auch über Artikel 8, Absatz 4 hinweg: Die Zielkugel darf nur dann durch den Gegner platziert werden, wenn beide Mannschaften den Wurf als ungültig anerkannt haben […]. ↩
- Auf der Weltmeisterschaft 2023 in Cotonou (Benin) schirmte sich Dylan Rocher gegen den ohrenbetäubenden und teilweise feindseligen Lärm des Publikums mittels kleiner Ohrstöpsel ab. In diesem Video kann man die kleinen gelben Dinger in seinen Ohren gut erkennen – ebenso seine Verzweiflung über das teils äußerst unfaire Publikum. Die anwesenden Schiedsrichter hatten wohl Mitleid mit ihm: Sie monierten sein klares Verlassen des Kreises bei mehreren seiner Schüsse nicht – so auch beim letzten, der zum Gewinn des Titels für das französische Team führte. ↩




