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Geschichten rund ums Pétanque

Warum wir kein Europameister sind
Papst und Pétanque
von Frank J.
veröffentlicht am 30. Juli 2025

veröffentlicht am

30. Juli 2025

Autor

Frank J.

Vor Jah­ren behaup­tet das Schmier­blatt Bild: „Wir sind Papst!“ Jüngst stell­te das weit seriö­se­re Online-Maga­zin Pétan­que aktu­ell ganz aktu­ell die The­se auf: „Wir sind Euro­pa­meis­ter!!!“ 1 Schon mit dem Papst hat­te ich so mei­ne Zwei­fel. Noch mehr Kopf­zer­bre­chen macht mir aller­dings die Sache mit dem Euro­pa­meis­ter. Wie kann es sein, dass ich mit mei­nem mise­ra­blen Spiel einen sol­chen Titel zuge­wie­sen bekomme?

Papst, jedoch kein Europameister: Benedikt XVI. (Quelle: Wikipedia, Fotograf: Mark Bray )

Ich bin nicht sicher, was ich lie­ber nicht wäre: Papst oder Pétan­que-Euro­pa­meis­ter. Als Papst bin ich nicht geeig­net. Schon des­halb, weil mir die­se wei­ten Klei­der nicht gut stün­den, vor allem aber, weil ich Athe­ist bin. Ich könn­te sicher kei­nen guten Draht nach oben pfle­gen, was nach mei­nem Ver­ständ­nis zu den Kern­auf­ga­ben des Ober­hir­ten gehört. Vor Jah­ren hat­te ich es mal pro­biert, aber es ging nie jemand ran. Eigent­lich war ich dar­über ganz froh, denn mein Latein ist lausig.

Nun sind wir also Euro­pa­meis­ter, wenn man Pétan­que aktu­ell glau­ben schenkt. Also auch ich. Hmm, die haben mich wohl noch nie spie­len gese­hen. Nein, „Wir sind Euro­pa­meis­ter!!!“ kann auf mich nicht zutref­fen – auch wenn das Online-Maga­zin die Behaup­tung mit drei Aus­ru­fe­zei­chen ziem­lich nach­drück­lich aufstellte.

Papst wur­de ich ja bekannt­lich im April 2005 – unge­fragt, wie wir alle. Ich wider­sprach damals aber nicht, denn ich hat­te ande­res zu tun. Ich war sicher kein guter Papst, aber ich hat­te das Amt ja auch nur bis zum Febru­ar 2013 inne, als Joseph Alo­is Ratz­in­ger ali­as Bene­dikt XVI. auf sein Amt ver­zich­te­te. Auch dazu wur­de ich nicht gefragt – und schwupps! – war ich den Job ohne mein Zutun los. Ich sehe das dem tüdeli­gen alten Mann nach. Gefehlt hat mir jeden­falls nichts, nach­dem ich nicht mehr Papst war.

1974: Wir sind Weltmeister!

Der legendäre Sportreporter Eberhard Stanjek nannte ihn mal Katschenbeck: Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck (Quelle: Wikipedia, Fotograf: Bert Verhoeff)

Als Kind woll­te ich beim Bol­zen Gün­ter Net­zer sein – schon wegen sei­ner rebel­lisch lan­gen Haa­re, aber auch, weil er tol­le Außen­rist­päs­se spie­len konn­te. Bei mei­nen fuß­bal­le­ri­schen Fähig­kei­ten hät­te ich mich bes­ser für „Kat­sche“ Schwar­zen­beck als Vor­bild ent­schie­den. Den Ball ver­stol­pern konn­ten wir bei­de ganz gut.

Nie aber wäre ich auf den Gedan­ken gekom­men, die Welt­meis­ter­mann­schaft von 1974 mit einem „wir“ für mich und den Rest der Repu­blik zu ver­ein­nah­men. Hof­fe ich jeden­falls heu­te – und wenn es dann doch anders gewe­sen sein soll­te, habe ich wohl ein­fach die pein­li­chen Fak­ten aus­ge­blen­det. Mein ver­schäm­ter Erklä­rungs­ver­such für die­sen Fall: Es war die puber­tä­re Ver­wir­rung eines damals Sechzehnjährigen.

Auf­ge­frischt!

Auf­merk­sa­me Leser­Innen hat­ten wahr­schein­lich mein Unbe­ha­gen hin­sicht­lich der For­mu­lie­rung „Wir sind Euro­pa­meis­ter!!!“ zu Beginn die­ses Arti­kels bemerkt und kön­nen sich dar­an auch noch erin­nern. Ande­re wer­den wegen nicht von der Hand zu wei­sen­der Weit­schwei­fig­keit mei­ne Abnei­gung gegen die Ver­ein­nah­mung mög­li­cher­wei­se bereits wie­der ver­ges­sen haben. Ich fri­sche also bes­ser noch­mal auf:

So ein „wir“ ist Bildzei­tungsniveau. Nein, wir sind nicht Euro­pa­meis­ter. Auch der Ver­band ist nicht Euro­pa­meis­ter. Der Coach hat zwar eine Medail­le bekom­men,2 ist aber höchs­tens Trai­ner3 der Euro­pa­meis­ter. Pétan­que aktu­ell ist eben­falls nicht Euro­pa­meis­ter – und ich bin’s grad schon gar nicht.4 Euro­pa­meis­ter ist allei­ne das Team, das der DPV gemel­det und das gespielt hat.

Immer­hin hat Jan­nik Scha­a­ke auf Pétan­que aktu­ell einen wirk­lich guten Nach­be­richt zur Euro­pa­meis­ter­schaft geschrie­ben.5 Die nach­träg­lich for­mu­lier­ten, sehr ver­nünf­ti­gen Ein­schät­zun­gen und sei­ne fach­li­che Exper­ti­se lin­dern mein Unbe­ha­gen über das wohl aus sei­ner Feder stam­men­de „wir“ doch erheb­lich. Guter Arti­kel, Pétan­que aktuell!

Nein: Sie sind Europameister

Mein Respekt gehört der Leis­tung der vier Spie­ler, die in San­ta Susan­na ein­ge­setzt wur­den: Moritz Rosik hat­te bril­lan­te Lege­pha­sen. Tobi­as Mül­ler beein­druck­te im spä­te­ren Ver­lauf des Tur­niers als sein Ersatz, wenn Moritz einen klei­nen Ein­bruch hat­te. Mat­thi­as Lau­kart schoss und traf was das Zeug hielt. Je län­ger das Tur­nier dau­er­te, ging es meist nur um die span­nen­de Fra­ge, ob’s ein Palet, ein Retro oder ein Sur Place wer­den würde.

Dani­el Rei­chert spiel­te erst ab der drit­ten Par­tie – wur­de auch danach mal nicht ein­ge­setzt (was auf­grund der völ­lig unzu­rei­chen­den Bericht­erstat­tung des DPV nir­gends doku­men­tiert oder gar erklärt wur­de). Ab dem Ach­tel­fi­na­le gegen Ita­li­en spiel­te er sich dann in der Mann­schaft fest. Die anspruchs­volls­te Auf­ga­be im Team – die Rol­le als Milieu – lös­te er her­vor­ra­gend. Bereits 2024 bei der Welt­meis­ter­schaft in Dijon emp­fand ich sei­ne Leis­tung als her­aus­ra­gend in der deut­schen Mannschaft.

Freu­de und Hoffnung

Wir soll­ten den Augen­blick genie­ßen – unter ande­rem auch des­halb, weil vie­le von uns die Euro­pa­meis­ter schon mal irgend­wo live auf einem Tur­nier sehen konn­ten, viel­leicht sogar eine Par­tie gegen den einen oder ande­ren bestrit­ten haben oder sie gar per­sön­lich ken­nen. Das führt zu mehr Nähe, mög­li­cher­wei­se gar zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­on und grö­ße­rer emo­tio­na­ler Betrof­fen­heit. Und wir soll­ten den Augen­blick auch des­halb genie­ßen, weil wohl nie­mand damit gerech­net hat, dass so etwas pas­sie­ren könnte.

Viel­leicht hilft die­ser beson­de­re Augen­blick des deut­schen Pétan­que auch, dass das Niveau des Pétan­que in unse­rem Land ver­bes­sert wird. „Lass uns lie­ber noch eine bei­le­gen“, mit die­ser bei uns weit ver­brei­te­ten Ein­stel­lung hät­ten unse­re Hel­den in San­ta Susan­na wohl den übli­chen geteil­ten neun­ten Platz geholt.

Auch, dass man bei einem Schuss nicht ein­fach mal in die Men­ge zielt und dann schaut, was dabei raus­kommt, son­dern Kugeln fein säu­ber­lich atta­ckiert wer­den – was man tat­säch­lich ernst­haft trai­nie­ren kann (viel­leicht sogar ohne stän­di­ges, rück­sichts­lo­ses Gesab­bel) – das könn­te sogar bei mei­nem Club in Bracht­tal ange­kom­men sein. Wenn man sich denn dort für gepfleg­tes Pétan­que interessierte …

Den Peters­dom im Dorf lassen

Über den Erfolg von San­ta Susan­na wird nun vie­ler­orts über­schwäng­lich und ver­ein­nah­mend geju­belt. Ich weiß nicht, ob jemand dabei in Erwä­gung gezo­gen hat, dass dann fai­rer­wei­se auch die Nie­der­la­gen der Ver­gan­gen­heit genau­so mit einem „wir“ ver­ein­nahmt wer­den sollten.

Hat bei­spiels­wei­se nach dem 34. Platz bei der WM 2016 auf Mada­gas­kar jemand geknickt gedacht: So ein Mist, „wir“ haben hef­tig ver­lo­ren – und ist auf den Platz gegan­gen, um noch mehr zu trai­nie­ren? Oder wur­den „wir“ im sel­ben Jahr mit mani­pu­lier­ten Kugeln auf der Tri­plet­te-EM in Mona­co erwischt? Nein, ich ver­mu­te, für die nicht so guten Augen­bli­cke sind dann aus­schließ­lich die direkt agie­ren­den Spie­ler verantwortlich.

Las­sen wir den Spie­lern ihren Erfolg. Hof­fen wir, dass der Ver­band sie best­mög­lich unter­stützt hat. Freu­en wir uns, dass unse­re finan­zi­el­len Bei­trä­ge, die jede/r Lizenzspieler/In geleis­tet hat, dazu geführt haben, dass ein acht­köp­fi­ges DPV-Team nach Spa­ni­en rei­sen und die Spie­ler sich dort unter bes­ten Bedin­gun­gen vor­be­rei­ten konn­ten.6

Das ver­flix­te zwei­te Jahr

Wie wird es nach die­sem Erfolg wei­ter­ge­hen mit dem deut­schen Pétan­que? Fuß­ball­in­ter­es­sier­te ken­nen die Weis­heit: Nach dem Auf­stieg die Klas­se zu hal­ten, das funk­tio­niert häu­fig über­ra­schend gut. Die Leis­tung aber im dar­auf­fol­gen­den Jahr zu bestä­ti­gen, ist sehr oft sehr schwierig.

Um den Stand in der Spit­ze des deut­schen Män­ner-Pétan­que tat­säch­lich beur­tei­len zu kön­nen, wird es also dar­auf ankom­men, auch auf schwie­ri­ge­ren Böden als in San­ta Susan­na soli­de Leis­tun­gen zu erbrin­gen. Wie Jan­nik Scha­a­ke in sei­nem Kom­men­tar gut her­aus­ge­ar­bei­tet hat, kam der Boden bei der EM einem schieß­freu­di­gen Team sehr ent­ge­gen. Und gut geschos­sen haben sie tat­säch­lich, die neu­en Euro­pa­meis­ter! Sogar sehr gut!

Es ist zu hof­fen, dass die Mann­schaft in die­ser Zusam­men­set­zung wei­te­re inter­na­tio­na­le Auf­trit­te haben wird und zei­gen kann, dass sie auch unter ande­ren Umstän­den so sou­ve­rän zu spie­len in der Lage ist. Und wenn das nicht klap­pen soll­te, dann wird es kein Bein­bruch sein – denn schließ­lich sind die neu­en Euro­pa­meis­ter kei­ne Päps­te und ihre Kugeln nicht unfehlbar.

Joseph Alois Ratzinger alias Benedikt XVI.: Fehlte Italien päpstlicher Beistand im Achtelfinale?

Um es klar zu sagen: Nein, ich möch­te mir die­ses „wir“ nicht antun. Ich möch­te kein unge­frag­ter Euro­pa­meis­ter sein. Mir reicht es völ­lig aus, die­se Meis­ter­schaft in San­ta Susan­na (so gut oder vor allem schlecht es im Live-Stream ging) ver­folgt und mich an den über­ra­schen­den Leis­tun­gen der deut­schen Spie­ler erfreut zu haben. Dass ich dabei in der Betrach­tung eher nüch­tern und auf etwas Abstand zum Freu­den­tau­mel blei­be, liegt wohl an mei­ner Zeit als Papst.


  1. Arti­kel auf Pétan­que aktu­ell vom 20. Juli 2025; zuletzt abge­ru­fen am 30. Juli 2025 
  2. Nach den Regu­la­ri­en (Euro­pean Cham­pi­on­ship Rules 2025–26, sie­he Punkt 20.02) des Ver­an­stal­ters der Euro­pa­meis­ter­schaft, der Con­fé­dé­ra­ti­on Euro­pé­en­ne de Pétan­que (CEP), erhal­ten die Spieler­Innen der vier Top-Teams und deren Coa­ches Medail­len. 
  3. Viel­leicht ist Sascha Koch noch nicht ein­mal Trai­ner. Zumin­dest kei­ner mit einer Trai­ner­li­zenz, denn in der Trai­ner­lis­te des DPV tauch­te er auch frü­her (letz­ter Fund: 24. Sep­tem­ber 2024) nie auf. Stand heu­te (30. Juli 2025 ) ist die Trai­ner­lis­te des DPV leer. 
  4. Ich konn­te ja noch nicht mal Ver­eins­meis­ter in Bracht­tal wer­den, weil die Mul­lahs mei­nes Ver­eins mich als „in Ungna­de gefal­le­nes“ Mit­glied (die For­mu­lie­rung stammt aus einem öffent­li­chen Kom­men­tar des DPV-Prä­si­den­ten Micha­el Dör­hö­fer auf Face­book, der man­gels Argu­men­ten die Gele­gen­heit nut­zen woll­te, mich ein wenig zu dif­fa­mie­ren) nicht dar­über infor­miert haben, dass die­se Meis­ter­schaft statt­fin­det. So konn­te ich um den von mir gestif­te­ten Pokal, der aus­drück­lich nicht für eine Ver­eins­meis­ter­schaft gedacht war, nicht mit­spie­len. Mögen ihnen die Bär­te abfal­len! Die haben kaum wel­che? Ach, auf nichts ist Ver­lass. 
  5. Zum lesens­wer­ten Arti­kel auf Pétan­que aktu­ell; zuletzt abge­ru­fen am 30. Juli 2025 
  6. Man­che Teams wie Arme­ni­en oder Jer­sey haben nicht mal einen Ersatz­spie­ler vor Ort gehabt. 
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