Künstliche Intelligenz, also KI, ist in aller Munde. Nun, wörtlich genommen nicht, aber so mancher Gedanke, viele Artikel, diverse Bilder und enorme Mengen unnützen Krams dürften heute als Basis „künstlich“ generierte Inhalte haben. Wie ist das eigentlich im Pétanque? Nicht einmal Spuren von KI sind in unserer Sportwelt zu finden.
„Bist du da ganz sicher?“, fragte die Doublette-Partnerin, als ich bei einem unserer gemütlichen Morgenkaffee-Gespräche das Thema von Katzenfotos geschickt und erfolgreich auf etwas Interessanteres gelenkt hatte. Ich schätze sie auf dem Gebiet der KI als belesene und praktisch erfahrene Fachfrau ein. Da sie es auch versteht, eine Partie Pétanque zu spielen, fragte ich erstaunt und sicher auch etwas naiv nach: „Wie sollte KI denn eine Kugel werfen?“
„Es geht doch gar nicht ums Spiel! Aber es könnte durchaus sein, dass auch in unserer Sportorganisation einige Abläufe von KI übernommen wurden. Vielleicht sogar Funktionäre – würde dir das auffallen?“, fragte sie. Hatte ich da einen verschwörerischen Unterton herausgehört? Zumindest blitzte es in ihren Augen.
Tüdelige KI?
Nun, mir wurde klar, dass ich an die Möglichkeit tatsächlich noch nie gedacht hatte. Jetzt ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Gab es Anzeichen für eine Übernahme des Bundesverbands DPV durch Künstliche Intelligenz?
Ohne dass ich lange überlegen musste, kam mir kam das völlig unnötige Durcheinander in den Sinn, das der DPV nach der Bundesligaaufstiegsrunde im Oktober 2024 angerichtet hatte. Die rechtliche Situation war eindeutig: Lübeck war einer der Aufsteiger, nicht Oppau. Trotzdem beharrte das Präsidium des DPV auch nach einigen Tagen des Überlegens in einer schriftlichen Stellungnahme hartnäckig darauf, dass Oppau in die Bundesliga gehörte.1 Diese krass fehlerhafte, ja, fast schon tüdelige Einschätzung der sechs obersten Fachkräfte2 unseres Bundesverbands erscheint bis heute absurd.
Wenn Künstliche Intelligenz falsche Informationen produziert, wird das allerdings nicht als Tüdeligkeit, sondern als Halluzination3bezeichnet. Das hier muss so eine gewesen sein! Wer käme – nach gewissenhafter Lektüre und sorgfältiger Analyse der eigenen Richtlinie4 zur Qualifikation zur Bundesliga – ernsthaft auf die Idee, dass Oppau der Aufsteiger hätte sein können? Nein, das können nicht die Fachleute des DPV gewesen sein. Sich solch dummes Zeug auszudenken und zu veröffentlichen – das kann nur die Handschrift einer halluzinierenden KI gewesen sein.
Selbstversuch
Mich ließ das Thema nicht mehr los. Ich wollte herausfinden, ob KI wirklich so deppert sein kann. Warum nicht einen Selbstversuch wagen? Der passende Anlass lag als Stapel zerknüllter kleiner Zettel auf meinem Schreibtisch: Seit Tagen kam ich damals mit dem Entwurf eines Logos für Franks Pétanque nicht weiter.5
Hinweis
Der Dialog zwischen dem Autor und ChatGPT hat tatsächlich so stattgefunden wie hier wiedergegeben. Es wurden lediglich zwei Stellen gekürzt. Diese sind zum Verständnis unwichtig, führen aber zu einer besseren Lesbarkeit des Texts.
Kurzerhand nahm ich Erstkontakt zu dieser für mich fremden Welt der KI auf. Nachdem ich erkundet hatte, dass ChatGPT einen „Logo Creator“ anbot, meldete ich mich dort an.
[ChatGPT] Wie kann ich dir helfen?
Die Software war zumindest recht selbstbewusst. Mein virtuelles Gegenüber ging wie selbstverständlich davon aus, dass es mich duzen könne und ich Hilfe nötig hatte. Mit der Hilfe hatte es Recht. Das mit dem Duzen übersah ich für den Moment.
Ich legte los – und um die Intimität des Augenblicks nicht zu gefährden, duzte auch ich: „Erstelle ein Logo für die Sportart Pétanque.“
Ob das zu sehr im Befehlston formuliert war? Vielleicht hätte ich mich erst vorstellen, nach dem werten Befinden oder einem Getränkewunsch fragen sollen? Doch dafür war keine Zeit: ChatGPT wollte entweder fix fertig werden oder hielt mich für einen dieser ungeduldigen Digitaljünger, deren Aufmerksamkeitsspanne keine 281 Zeichen lang hält. Es wollte sofort drei Dinge von mir wissen:
- Ich sollte die Stimmung des Logo beschreiben (ich wählte seriös),
- ob es eher schlicht oder komplex sein sollte (na klar: schlicht) und
- eine Farbkombination angeben (keine Vorliebe, mach mal).
Nach wenigen Sekunden lieferte die Wundermaschine.
Erster Entwurf
[ChatGPT] Was denkst du? Bist du mit dem Logo zufrieden?
Das Ergebnis erinnerte mich an – Bowling, vielleicht auch an Halmafiguren, aber ganz bestimmt nicht an Pétanque.
„Das zeigt nicht Pétanque“, war folglich meine ernüchterte Antwort.
[ChatGPT] Danke für dein Feedback! Ich werde das Design anpassen, um die Sportart Pétanque klarer darzustellen. Ich gestalte das Logo mit spezifischen Pétanque-Elementen, wie den charakteristischen Metallkugeln (Boules) und dem Zielball (Cochonnet), um den Sport deutlich zu repräsentieren.
Ich war dem Superhirn, das mir freiwillig und kostenlos half, ja grundsätzlich dankbar. So unterdrückte ich die Frage, warum es nicht bereits im ersten Versuch die „Sportart Pétanque klar dargestellt“ hatte ebenso, wie die, warum das Cochonnet ein Ball sein solle. Vielleicht war heute nicht sein Tag? Schlecht geschlafen? Kaffeemaschine defekt? Kollegen nerven?
Ich erfuhr nichts von alledem. ChatGPT arbeitete schnell und fokussiert weiter.
Zweiter Entwurf
[ChatGPT] Wie findest du dieses neue Logo? Es enthält nun klare Pétanque-Elemente wie die Boules und den Cochonnet. Lass mich wissen, ob es passt oder ob du noch etwas ändern möchtest!
Ich hielt den neuen Entwurf durchaus geeignet für einen Wettbewerb, der eine Kombination aus Halma und Basketball sein könnte. Wenn Biathlon wegen des Klimawandels ausfallen sollte, wäre das bestimmt ein vielversprechender Ersatz. Aber was hatte dieser Entwurf mit Pétanque zu tun?
Ich wollte ChatGPT nicht noch weiter verwirren, behielt meine Assoziation für mich und versuchte, Fakten einzubringen:
„Ich bin nicht zufrieden. Bei der Sportart Pétanque haben die Kugeln keine Löcher. Es gibt zudem nur ein Cochonnet. Das Cochonnet liegt auf dem Boden.“
Mit bewundernswerter Gemütsruhe war ChatGPT mir immer noch zu Diensten:
[ChatGPT] Danke für die Klarstellung! Ich werde sicherstellen, dass die Boules keine Löcher haben und das Cochonnet als einzelner Ball auf dem Boden dargestellt wird. Ich werde auch darauf achten, dass die Elemente korrekt platziert sind.
Wieder nur wenige Sekunden später poppte das neue Design auf dem Bildschirm auf.
Dritter Entwurf
[ChatGPT] Hier ist das überarbeitete Logo, bei dem die Boules ohne Löcher und das Cochonnet als einzelner Ball auf dem Boden dargestellt sind. Es fängt die präzisen Elemente des Pétanque-Spiels besser ein.
Was hältst du von diesem Design?
Ich war baff, aber nicht sprachlos. Was sollte das sein? Ein Wikinger hinter der Bordwand seines Boots mit je einem Schild pro Hand? Und was sollte dann das kleine Schild weiter unten? War das ein besonderer Schutz auf Lendenhöhe?
In mir wuchs ein Verdacht: „Du hast vermutlich keine Idee, was Pétanque genau ist, oder?“
[ChatGPT] Es tut mir leid, dass das Logo noch nicht das widerspiegelt, was du dir vorstellst. Pétanque ist ein französisches Präzisionsspiel, bei dem Spieler versuchen, Metallkugeln (Boules) so nah wie möglich an einen kleineren Zielball (Cochonnet) zu werfen. Die Kugeln haben glatte Oberflächen, keine Löcher, und das Spiel wird auf einem festen Boden gespielt.
Ich nehme deinen Input sehr ernst und passe das Design entsprechend den genauen Merkmalen von Pétanque an. Möchtest du mir weitere Details geben, die dir besonders wichtig sind, damit ich es diesmal wirklich treffe?
Irrte ich mich, oder rutschte ChatGPT immer weiter in einen eher unterwürfigen Modus?
Nun, meine Hoffnung war mittlerweile verschwunden: „Ich denke, du kannst das nicht besser, denn auf dem letzten Entwurf sind wieder Löcher in den Kugeln abgebildet.“
[ChatGPT] Es tut mir wirklich leid, dass die bisherigen Entwürfe nicht den gewünschten Anforderungen entsprochen haben. Ich verstehe, dass die Boules im Pétanque keine Löcher haben und die Details genau stimmen müssen.
ChatGPT meinte also zu verstehen. „Warum entwirfst Du dann kein besseres Logo?“, fragte ich.
[ChatGPT] Es tut mir aufrichtig leid, dass ich deine Erwartungen bisher nicht erfüllt habe. Mein Ziel ist es, ein präzises und passendes Logo für dich zu gestalten, und ich nehme das Feedback sehr ernst. Ich werde den Fokus klar auf die glatten Boules, das Cochonnet und den typischen Boden richten, ohne unpassende Elemente wie Löcher in den Kugeln.
Ich werde das Logo jetzt noch einmal überarbeiten, um es vollständig korrekt darzustellen. Ich danke dir für deine Geduld und gehe gleich an die Arbeit.
Mir kam es mittlerweile fast so vor, als wäre ich im Gespräch mit Marvin, dem depressiven Roboter aus Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“.6 ChatGPT begann mir etwas leid zu tun. Ich wollte das bedauernswerte und überforderte Stück Software nun nicht weiter quälen – doch es kam mir zuvor:
[ChatGPT] Es scheint, als könnte ich im Moment keine weiteren Bilder generieren. Bitte versuche es später noch einmal, falls du ein neues Logo wünschst.
Falls du weitere Fragen hast oder etwas anderes möchtest, lass es mich wissen!
ChatGPT war geschickt raus aus der Nummer. Ganz so blöd ist die KI also doch nicht. Was diese Erkenntnis für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im DPV bedeutet, darüber bin ich mir allerdings noch nicht im Klaren.
- Am 29. Oktober, also drei Tage nach Beendigung der Aufstiegsrunde, äußerte sich „das Präsidium“ des DPV dahingehend, dass Lübeck nicht aufgestiegen sei, weil es seine sportlichen Begegnungen gegen Jever und Oppau verloren habe (siehe: Artikel auf der Website des DPV; zuletzt abgerufen am 29. März 2025). Ohne an dieser Stelle weiter auf die Details einzugehen: Das war völliger Mumpitz. Das DPV-Schiedsgericht hat die Position des DPV-Präsidiums folgerichtig mit seiner Entscheidung vom 13. Dezember 2024 einkassiert (siehe Kurzmeldung des DPV; zuletzt abgerufen am 29. März 2025). ↩
- Zum damaligen Zeitpunkt waren nur sechs von sieben Präsidiumsposten im DPV besetzt. ↩
- Wer mehr wissen möchte: Zum Thema „KI und Halluzinationen“ gibt es viele Artikel, die meisten sind jedoch sehr technisch und für Laien nicht gut verständlich. Recht gut erklärt ein Artikel auf der Website tuvit.de (dahinter steckt der TÜV Nord) das Phänomen einer halluzinierenden KI; zuletzt abgerufen am 31. März 2025 ↩
- Richtlinie des Deutschen Pétanque-Verbands zur Deutschen Pétanque-Bundesliga vom 18. April 2024; die entscheidende Passage steht dort unter Punkt 1.10 (Wertung und Tabelle) im letzten Absatz ↩
- Mittlerweile gibt’s ein Logo, das in diversen Nachtschichten in Eigenleistung entwickelt wurde (siehe oben links). ↩
- Selbstverständlich kennen alle Menschen auf unserem Planeten diese vierbändige Trilogie aus fünf Bänden, weshalb sich jede erklärende Fußnote hierzu erübrigt. ↩