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WM 2025 in Rom (Teil 2)
Viel Licht und wenig Schatten?
von Frank J.
veröffentlicht am 28. Mai 2026

veröffentlicht am

28. Mai 2026

Autor

Frank J.

Vielen Spieler­Innen war wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft 2025 in Rom anzu­mer­ken, wie anstren­gend die­ses Tur­nier in gro­ßer Hit­ze auf den schat­ten­lo­sen Plät­zen war. Im ers­ten Arti­kel über die­se Mam­mut-WM mit 575 Spie­len berich­te­te Franks Pétan­que bereits dar­über.1 Es ist nicht unwahr­schein­lich, dass man­che Leis­tungs­ein­brü­che, die auch bei bekann­ten Spieler­Innen auf­tra­ten, mit den äuße­ren Umstän­den zusam­men hingen.

Moha­med Kha­led Bougriba

Zu Beginn des Tur­niers sah ich mit Inter­es­se ein Tête-à-tête zwi­schen dem Tune­si­er Moha­med Kha­led Bou­gri­ba und dem für Arme­ni­en star­ten­den Fran­zo­sen Michel Hat­cha­dou­ri­an. Moha­med spiel­te eine star­ke Par­tie gegen den Welt­klas­se­mann und gewann nicht nur vom Ergeb­nis her deut­lich (13 zu 6). Es befand sich kaum mehr als eine Hand­voll Zuschaue­rIn­nen am Car­rée d’Honneur.

Die ers­te Par­tie dürf­ten Moha­meds berech­tig­te Hoff­nung auf das Errei­chen der Final­run­de bestärkt haben – jedoch lief es danach schlech­ter für ihn: Er ver­lor erst gegen den Fran­zo­sen Chris­to­phe Sar­rio zu 6, dann behielt Boua­lem Zebai­er aus Alge­ri­en die Ober­hand (zu 7). Bei­de Geg­ner konn­ten sich für das Ach­tel­fi­na­le qualifizierten.

Das letz­te gewon­ne­ne Spiel gegen den Ira­ner Gho­la­ma­li Shamo­ra­di war für den Tune­si­er bedeu­tungs­los, denn zwei gewon­ne­ne Vor­run­den­spie­le reich­ten nicht zum Weiterkommen.

Moha­med war sicher etwas „unter Wert“ geschla­gen, wenn man die inter­na­tio­na­len Erfol­ge sei­ner Pétan­que-Kar­rie­re zugrun­de legt.2

Mohamed Khaled Bougriba war mit seinen wechselnden Leistungen in Rom sicher nicht zufrieden.

Sofi­en Ben Brahim

Er schaut meist etwas finster drein, wenn er seine Schüsse vorbereitet: Sofien Ben Brahim.

Zusam­men mit sei­nem Part­ner Sofi­en Ben Bra­him spiel­te sich Moha­med im Dou­blet­te bis ins Vier­tel­fi­na­le. Dort ver­lo­ren die bei­den Tune­si­er gegen ein stark auf­spie­len­des Ita­li­en 1 deut­lich mit 5 zu 13. (Die­ses Spiel kann bei You­tube ange­schaut wer­den – und ein paar Bemer­kun­gen dazu habe ich auch noch in die Fuß­no­te geschrie­ben.)3

Die Par­tie wur­de auf dem Car­rée d’Honneur aus­ge­tra­gen, was den Zuschaue­rIn­nen immer­hin ermög­lich­te, das Spiel im Sit­zen anzu­schau­en. Auch wenn es nur gerin­ges Publi­kums­in­ter­es­se gab: Die weni­gen Plät­ze im Schat­ten, die sich gegen abend durch die tie­fer ste­hen­de Son­ne erga­ben, waren begehrt.

Foto­gra­fisch waren es die schöns­ten Momen­te, wenn hier am Abend gegen 18 Uhr die Son­ne tie­fer sank und das Licht wär­mer wur­de. Stand dann noch ein so aus­drucks­star­ker Spie­ler wie Sofi­en auf dem Platz, war es schon schwie­rig, all­zu vie­le Fotos zu vermasseln.

Im Dou­blet­te Mix­te spiel­te sich Sofi­en mit Asma Bel­li eben­falls ins Vier­tel­fi­na­le. Aller­dings waren in der Vor­run­de anfangs die eher leich­te­ren Geg­ne­rIn­nen nicht von Nach­teil: Gegen Est­land und den Liba­non wur­de jeweils zu 6 gewon­nen. Die Ernüch­te­rung folg­te dann im drit­ten Spiel mit einer zu Null ver­lo­re­nen Par­tie gegen Frank­reich (Bandiera/Rocher).

Nun benö­tig­te das tune­si­sche Mix­te noch einen Sieg, um in die Final­run­de ein­zu­zie­hen. Der gelang gegen Ita­li­en 2 (Sara Dedo­mi­ni­ci / Davi­de Laforè) – und zwar deut­lich: Das 13 zu 1 war inso­fern bemer­kens­wert, als auch das ita­lie­ni­sche Mix­te noch einen Sieg für den Ein­zug in die Final­run­de benö­tig­te. Wie bereits im ers­ten Bericht aus Rom erwähnt, spiel­te beson­ders die zwei­te Rei­he des ita­lie­ni­schen Teams eher schwa­ches Pétanque.

Für das tune­si­sche Mix­te stan­den ein kla­rer Sieg im Ach­tel­fi­na­le gegen Aus­tra­li­en (13 zu 6) und eine deut­li­che Vier­tel­fi­nal­nie­der­la­ge gegen Mona­co (4 zu 13) an.4

Audrey Ban­die­ra

In die Kate­go­rie „aus­drucks­stark“ fällt auch die fran­zö­si­sche Top-Spie­le­rin Audrey Ban­die­ra. Ihre ener­gi­sche Prä­senz, mit der sie ihre Kugeln spielt, beein­druckt mich immer wie­der. Sie ver­mit­telt mit ihrem kraft­vol­len, kör­per­be­ton­ten Spiel den Ein­druck, dass sie ihren Kugel kei­ne Wahl las­sen will. Ich schaue ihr ger­ne zu.

Audrey erreich­te in Rom sowohl im Frau­en-Dou­blet­te mit ihrer Part­ne­rin Nel­ly Pey­ré als auch im Dou­blet­te Mix­te mit Dylan Rocher das Fina­le. Bei­de End­spie­le wur­den dann aber deut­lich ver­lo­ren (zu 2 gegen Thai­land im Frau­en-Dou­blet­te und gegen Mada­gas­kar im Mix­te zu 6).

Ich mein­te, ein Nach­las­sen ihrer Spiel­qua­li­tät beob­ach­tet zu haben: Je län­ger das Tur­nier dau­er­te, des­to weni­ger über­zeu­gend waren ihre Leis­tun­gen. War auf ihre – vol­ler Kör­per­span­nung gespiel­ten – Kugeln in der Vor­run­de noch regel­mä­ßig Ver­lass, so ver­leg­te sie spä­ter so man­che Boule. Mög­li­cher­wei­se hat ihr Spiel unter dem lan­gen Tur­nier und den schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen (Hit­ze, unbe­schat­te­te Plät­ze) gelit­ten. Ich kann mir vor­stel­len, dass es bei ihr ein Kon­di­ti­ons­pro­blem gab.

Trotz­dem war es eine Freu­de ihr beim Legen zuzu­schau­en: Zumeist hat­te ich den Ein­druck, dass Audrey ihre Kugeln auf eine beson­de­re Art beherrscht. Irgend­wie hin­ge­wor­fe­ne Boules, die dann schon etwas aus­rich­ten wür­den, habe ich in ihren guten Par­tien nicht gese­hen – und selbst schwä­che­re waren meist erst am nicht aus­rei­chen­den Ergeb­nis erkennbar.

In Sachen Kör­per­spra­che hät­ten sich alle deut­schen Spieler­Innen in Rom an ihr ori­en­tie­ren kön­nen. Der Unter­schied war zumeist immens.5

Selbst in schwächeren Phasen ist es Audrey Bandiera anzumerken, dass sie die Kugel unbedingt kontrollieren will.

Dylan Rocher

Die Kugel noch in der Luft: Durch seine extremen Bewegungen beim Schuss kann sich Dylan Rocher manchmal kaum im Kreis halten.

Dieses wäh­rend einer Abend-Ses­si­on gegen 20:30 Uhr unter Kunst­licht auf­ge­nom­me­ne Foto zeigt die fast unnach­ahm­li­che Dyna­mik eines Aus­nah­me­spie­lers. Es ist eine Art Urge­walt, die vie­len sei­ner Schüs­se inne­wohnt. Da ist etwas Wil­des, viel­leicht auch Unbe­zähm­ba­res. Dabei hält sich Rocher oft nur unter sicht­ba­rer Anstren­gung im Kreis – und manch­mal auch nicht. In Rom schau­ten die Schieds­rich­te­rIn­nen dar­über hinweg.

So auch im Mix­te-Halb­fi­na­le, durch das sich Rocher zusam­men mit Audrey Ban­die­ra mehr hin­durch kämpf­te als bril­lier­te. Es war nur in weni­gen Momen­ten eine hoch­klas­si­ge Partie.

Was in der ers­ten Auf­nah­me mit erst­klas­si­gen Schüs­sen des Thai­län­ders Sara­wut Sri­boon­peng und Rocher begann (das ist bes­ter Anschau­ungs­un­ter­richt für alle, die lie­ber „erst mal eine legen“), ent­wi­ckel­te sich im Mit­tel­teil zu einer Par­tie mit teils immensen Lege­pro­ble­men. Dazu loch­te Rocher für sei­ne Ansprü­che zu häufig.

Ban­die­ra hat­te die bereits erwähn­ten Aus­fäl­le beim Legen, ihre weni­gen Schüs­se waren erfolg­los. Die sechs­te Auf­nah­me spiel­te Frank­reich kata­stro­phal. Thai­land erziel­te drei Punk­te und konn­te den hohen Anfangs­rück­stand (1 zu 5) erst­mals in eine Füh­rung ver­wan­deln. Das Spiel änder­te sei­ne Rich­tung aber immer wieder.

Nach drei Punk­ten der Fran­zo­sen in Auf­nah­me sie­ben ver­sem­mel­te Ban­die­ra drei Lege­ku­geln, Rocher loch­te mit sei­nem zwei­ten Schuss und leg­te dann eben­falls irgend­wo in die Pam­pa. Aber auch Thai­land spiel­te nicht zwin­gend und ver­gab in die­ser Situa­ti­on eine gro­ße Auf­nah­me und den mög­li­chen Sieg.

Das ziem­lich uner­schüt­ter­li­che Selbst­ver­trau­en Rochers ließ ihn in der letz­ten Auf­nah­me ein kra­chen­des Palet auf die weit links lie­gen­de Eröff­nungs­ku­gel schie­ßen. Dem konn­ten die Thai­län­der tat­säch­lich nichts mehr ent­ge­gen­set­zen: Nach ver­leg­ten Kugeln war der ein­zi­ge Aus­weg ein Sau­schuss von Sara­wut Sri­boon­peng, der aber erfolg­los blieb. Die letz­te Kugel leg­te sei­ne Part­ne­rin Nan­tawan Fue­ang­sa­nit ans Cochonnet.

Das aus­ge­zeich­ne­te Spiel­ver­ständ­nis der Fran­zo­sen wur­de deut­lich, als sie sich statt eines Schus­ses von Rocher, der irgend­ei­ne „Saue­rei“ zur Fol­ge hät­te haben kön­nen, für eine Lege­ku­gel ent­schie­den: Cochon­net und Kugel tren­nen, erst dann schie­ßen. Also leg­te Ban­die­ra – aller­dings erneut nicht prä­zi­se! Ihre viel zu hef­tig und nicht gera­de gespiel­te Kugel sprang glück­lich und drück­te die geg­ne­ri­sche weit weg. So ver­schaff­te sie ihrem Team uner­war­tet viel Raum – der zum Sieg reich­te.6

(Auch die­se Par­tie kann auf You­tube ange­schaut wer­den.)7

Die­go Rizzi

R izzis Traum eines Welt­meis­ter­ti­tels im Tête-à-tête konn­te er sich in Rom erfül­len. Bis dahin hat­te er ein­mal das Halb­fi­na­le erreicht (2015), zwei­mal das Fina­le (2017, 2022). Wie sehr er sich einen Erfolg vor hei­mi­schem Publi­kum wünsch­te, wur­de durch sei­ne emo­tio­na­le Reak­ti­on nach sei­nem letz­ten Schuss im Fina­le deutlich.

Der Weg dahin war lang, aber der Ita­lie­ner spiel­te ins­ge­samt über­zeu­gend. Gan­ze 12 Punk­te gab er in den vier Vor­run­den­spie­len im Ein­zel ab, dar­un­ter nur einen gegen sei­nen lang­jäh­ri­gen Spiel­part­ner Andrea Chiapello.

Eine Beson­der­heit ereig­ne­te sich in sei­nem letz­ten Vor­run­den­spiel gegen Fran­çois N’Diaye: Der Sene­ga­le­se war indis­po­niert – ihm gelan­gen kaum Tref­fer. Das Ergeb­nis sei­ner sie­ben (!) Schüs­se in den Auf­nah­men zwei bis vier: gera­de mal ein Kon­takt mit dem geg­ne­ri­schen Eisen.

Da er trotz der gerin­gen Quo­te immer mun­ter wei­ter schoss, muss­te oder durf­te Riz­zi viel legen. Nach vier Auf­nah­men stand es 10 zu 0.

N’Diayes gro­ßes spie­le­ri­sches Poten­ti­al war deut­lich zu erken­nen, jedoch waren sei­ne Wür­fe zu sel­ten erfolg­reich. Als er schließ­lich anfing zu tref­fen, kam trotz­dem kei­ne Hoff­nung auf, denn er schaff­te bes­ten­falls Palets, die aber das Bild nicht eng machten.

Riz­zi hat­te leich­tes Spiel – und nutz­te das zu einer Rei­he spek­ta­ku­lä­rer Hoch-Por­tées. Fast alle saßen punkt­ge­nau. Das Publi­kum reagier­te öfter mit Rau­nen auf die­se beein­dru­cken­den Würfe.

Es war eine Freu­de, ihn bei sei­nen sorg­fäl­ti­gen Vor­be­rei­tun­gen zu beob­ach­ten: Sein auf­merk­sa­mes Abschrei­ten des Gelän­des, die Fest­le­gung des Don­nées, das sorg­fäl­ti­ge Schlie­ßen des – nicht immer vor­han­de­nen – Abdrucks einer zuvor gespiel­ten Kugel set­zen Maß­stä­be. Sei­ne Rou­ti­nen sind eingeübt.

All das ist nicht nur Aus­druck eines über­ra­gen­den Spiel­ver­ständ­nis­ses. Der tech­ni­sche Anspruch sei­ner Wür­fe resul­tiert eben­so wie deren Genau­ig­keit in einer enorm sta­bi­len Rou­ti­ne. Dazu gehört bei Riz­zi auch das reflex­haf­te und immer wie­der­keh­ren­de Berüh­ren sei­nes rech­ten Fußes mit der rech­ten Hand – was immer der Grund dafür sein mag.

Was für ein außer­ge­wöhn­li­cher Spie­ler!8

Rizzis letzte Kugel im Spiel gegen Ndiaye war wieder ein hohes Portée, das knapp den Punkt machte. Der Senegalese lochte doppelt.

Ales­sio Cocciolo

Alessio Cocciolo spielte in Rom nicht auf seinem besten Niveau. Trotzdem beeindruckten seine Ruhe und Präsenz auf dem Platz.

G era­de mal so schaff­te es das ers­te ita­lie­ni­sche Team im Mix­te mit Sara Fer­ra­ra und dem ohne Zwei­fel als Star­spie­ler zu bezeich­nen­den Ales­sio Coc­cio­lo in die Final­run­de. Sie beleg­ten in der Vor­run­de den 14. Platz. Die zwei­te Mann­schaft kam nicht über einen ent­täu­schen­den 25. Platz hinaus

Viel­leicht was es für Coc­cio­lo und Fer­ra­ra sogar von Vor­teil, die ers­te Par­tie der Vor­run­de gegen Luxem­burg ver­lo­ren zu haben? Danach ging es gegen drei Geg­ner (Eng­land, Sene­gal und Palau), die sich alle­samt nicht für die Ach­tel­fi­nals qua­li­fi­zie­ren konn­ten – und die­se drei Sie­ge reich­ten den Azzu­ri für die Finalrunde.

Dass dort mit Bel­gi­en (Jes­si­ca Mes­kens / Logan Baton) ein spiel­star­kes Team auf die Ita­lie­ne­rIn­nen war­te­te, hat­te zuvor das deut­sche Mix­te (Gina Mül­ler / André Ski­ba) beim 6 zu 13 erfah­ren müs­sen. Bel­gi­en gewann das Ach­tel­fi­na­le gegen das ers­te ita­lie­ni­sche Mix­te zu 1.

Nun hat­te Coc­cio­lo das Pri­vi­leg, im Män­ner-Dou­blet­te mit Riz­zi anzu­tre­ten. Dort schaff­te er es bis ins Halb­fi­na­le, das gegen Thai­land ver­lo­ren ging (zu 4). Die Ita­lie­ner sind ein seit Jah­ren ein­ge­spiel­tes Team – und ich erin­ne­re mich an man­che über­tra­ge­ne Par­tie, in der die bei­den über­ra­gen­de Leis­tun­gen ablieferten.

Was ich in die­sem Tur­nier sah, war von Coc­cio­lo aller­dings nicht sein bes­tes Niveau. Öfter bereu­te ich es, in den 1990er-Jah­ren mei­ne ita­lie­ni­schen Sprach­kur­se nicht fort­ge­setzt zu haben, wenn Riz­zi nach ver­leg­ten Kugeln sei­nes Part­ners „gefühlt“ lospolterte.

Die bei­den haben wohl ein beson­de­res Ver­hält­nis – das ich aller­dings als freund­schaft­lich bezeich­nen wür­de, wenn ich Coc­cio­los Inter­es­se an den Final­spie­len sei­nes Part­ners im Tête-à-tête zugrun­de lege. Sei­ne emo­tio­na­le Anteil­nah­me am Spiel­feld­rand war sehr schön anzu­se­hen (ein Foto dazu gibt’s in der Zugabe).

Coc­cio­lo hat­te in Rom übri­gens kei­ne Chan­ce, sich mit sei­nen Pal­marès denen von Riz­zi anzu­nä­hern: Er spiel­te kein Tête-à-tête und hat­te somit nicht die Gele­gen­heit, den auch ihm feh­len­den Welt­meis­ter­ti­tel in die­ser Dis­zi­plin zu erringen.

Da auch sei­ne Leis­tung in Rom nicht über­ra­gend war, reich­te es nur zum Ach­tungs­er­folg (Halb­fi­na­le) im Dou­blet­te mit Riz­zi – was den Ansprü­chen kei­nes der bei­den ent­spre­chen dürf­te.9

Mary­se Bergeron

Das Frau­en Dou­blet­te […] konn­te […] einen bemer­kens­wer­ten Ach­tungs­sieg gegen Kana­da mit der inter­na­tio­nal renom­mier­ten Spie­le­rin Mary­se Ber­ge­ron sichern und ihr Poten­zi­al zei­gen“, trö­te­te Ver­bands­prä­si­dent Dör­hö­fer im Nach­gang des Tur­niers auf der DPV Web­site.10

Wenn die­ser „Ach­tungs­sieg“ des deut­schen Damen-Dou­blet­tes – das sich nach den bei­den vor­her kas­sier­ten Nie­der­la­gen nicht mehr für die End­run­de qua­li­fi­zie­ren konn­ten – so viel Freu­de berei­te­te, war­um war dann die Mie­ne der Bun­des­trai­ne­rin Lara Koch (nicht nur) wäh­rend die­ser Par­tie teils fins­te­rer als der Him­mel eines mit­ter­nächt­li­chen Sturm­tiefs über dem Nord­kap im Winter?

Die Ein­schät­zung der Spiel­stär­ke Mary­se Ber­ge­rons durch unse­ren obers­ten Boulis­ten ist zwei­fel­haf­ter Natur, um den Begriff „schlech­ter Witz“ zu ver­mei­den. In Mary­ses Kar­rie­re gab es bemer­kens­wer­te Erfol­ge – in Rom spiel­te sie aber kaum mittelmäßig.

Nun macht es sich natür­lich bes­ser, wenn das eige­ne Team gegen Hoch­ka­rä­ter ver­liert oder gar gewinnt, als wenn es gegen alko­ho­li­sier­te Außen­sei­ter schwä­chelt. Da liegt es auf der Hand, dass geg­ne­ri­sche Teams lie­ber per se hoch­ge­ju­belt wer­den, als ihr wah­res Poten­ti­al ehr­lich einzustufen.

Es passt also zur Geschich­te der Selbst­be­weih­räu­che­rung des DPV, wenn Mary­se Ber­ge­ron von Dör­hö­fer an einer ehe­mals zwei­fel­los vor­han­de­nen Leis­tungs­stär­ke gemes­sen wur­de. Das ist aber so frag­wür­dig, als wenn ich mich rüh­men wür­de, im Jahr 1988 ein­mal gegen fran­zö­si­sche Spit­zen­spie­ler gewon­nen zu haben. Die bei­den waren bes­ten­falls ehe­ma­li­ge Spit­zen­spie­ler und damals schon so alt, dass sie sich gegen zwei ambi­tio­nier­te Anfän­ger mehr als schwer taten.11

Wer Mary­se in Rom auf­merk­sam beob­ach­te­te, muss­te erken­nen, dass sie schwer mit ihrer Kon­di­ti­on zu kämp­fen hat­te. Es gelang ihr kaum ein­mal ein Schuss. Im Spiel gegen die deut­schen Damen waren vier von vier Schüs­sen dane­ben, zwei davon rich­tig schlecht. Wegen „Her­auskip­pens“ aus dem Kreis konn­te ich allei­ne in den von mir beob­ach­te­ten Auf­nah­men im Lau­fe des Tur­niers eine (eher mit­lei­di­ge) Ermah­nung und eine gel­be Kar­te aus­ma­chen, die ihr ver­passt wurden.

In einem Gespräch, das ich mit der Kana­die­rin nach ihrem Aus­schei­den in einem zähen Ach­tel­fi­na­le des Tête-à-tête gegen die Alge­rie­rin Boua­lem Zebai­er (10 zu 13) füh­ren konn­te, strotz­te sie nicht vor Selbst­ver­trau­en – wenn­gleich sie sich als eine der bes­ten Spieler­innen ihres Lan­des bezeich­ne­te. Nach 49 Meis­ter­ti­teln in Kana­da darf sie das.12

In Rom spiel­te sie wenig meis­ter­lich. Mary­se war offen­sicht­lich nicht fit. War­um sie in die­ser Hit­ze so dick beklei­det war, habe ich nicht herausbekommen.

Ihre außer­ge­wöhn­li­che Schuss­hal­tung war in jedem Fall ein Hin­gu­cker. Ihr extrem lang­sa­mes, ja, zähes Spiel eher nicht.

Maryse Bergeron zählt in Kanada nach eigener Angabe zu den Top-Spielerinnen. Ihr extremer Schussstil erweckt Aufmerksamkeit – ihre Trefferquote in Rom eher nicht.

Zuga­be

Im Pétan­que habe ich eine ech­te Zuga­be in einem Spiel nur ein­mal und vor lan­ger Zeit erlebt.13 Hier und jetzt bei Franks Pétan­que wer­den im Rah­men der Zuga­be ledig­lich noch ein paar Bil­der und ergän­zen­de Gedan­ken zu den obi­gen Prot­ago­nis­tIn­nen angefügt.


  1. Bericht zur Pétan­que-WM in Rom 2025: Exo­tIn­nen und Poli­tik, Frank Jer­mann, 1. Novem­ber 2025 
  2. Moha­med Bou­gri­ba war bei Welt­meis­ter­schaf­ten im Tête-à-tête Fina­list (2023) und Halb­fi­na­list (2017). Im Dou­blet­te gelang ihm eine Halb­fi­nal­teil­nah­me (2022), im Tri­plet­te waren es zwei (2018 und 2024). 2025 gewann er die nied­ri­ger ein­zu­stu­fen­den World Games im chi­ne­si­schen Cheng­du im Dou­blet­te Mix­te (mit Mouna Beji), aller­dings gegen das thai­län­di­sche Spit­zen-Mix­te mit Rat­chata Kham­dee und Nan­tawan Fue­ang­sa­nit. Quel­len: Dic­tion­n­aire de la Pétan­que 2025, Pierre Fieux, Les Pres­ses du Midi, Tou­lon; The World Games online: https://www.theworldgames.org 
  3. Wie sagt man so schön neu­blöd: Tune­si­en ging hier „all in“. Sie schos­sen viel, loch­ten aber auch zu viel. Das war gegen einen stark spie­len­den Riz­zi (ohne Fehl­ku­gel, davon zehn Tref­fer, die meist noch selbst den Punkt mach­ten und acht exzel­lent geleg­te Kugeln) sowie einem anfangs schwä­cheln­den, dann aber weit­ge­hend sehr gut spie­len­den Coc­cio­lo deut­lich zu wenig. Nach schlech­ten Schüs­sen von Bour­gi­ba tausch­ten die Tune­si­er die Posi­tio­nen, spä­ter ging’s ohne ersicht­li­chen Grund noch­mal zurück zur Anfangs­for­ma­ti­on. Das mach­te ihr Spiel nicht gera­de kon­stan­ter, es wirk­te etwas wild. Viel­leicht war es ein Feh­ler, gegen einen makel­lo­sen Riz­zi zu nah an das Cochon­net zu legen? Das Spiel auf You­tube 
  4. Sofi­en Ben Bra­him gelang bei der Welt­meis­ter­schaft im Dou­blet­te eine Halb­fi­nal­teil­nah­me (2022), im Tri­plet­te waren es zwei (2018 und 2024). Quel­le: Fieux, ebd.; Schreib­wei­se des Spie­ler­na­mens bei Fieux: Sofi­en Ben­bra­him 
  5. Audrey Ban­die­r­as Pal­ma­res sind umfang­reich. Hier die Ergeb­nis­se bei Teil­nah­men an Welt­meis­ter­schaf­ten: Tête-à-tête-Halb­fi­na­lis­tin (2017), Dou­blet­te-Fina­lis­tin (2023 und 2025) sowie Halb­fi­na­lis­tin (2017), Fina­lis­tin im Dou­blett­te Mix­te (2023 und 2025 jeweils mit Dylan Rocher), Fina­lis­tin im Damen-Tri­plet­te (2009) sowie zehn Jah­re spä­ter Halb­fi­na­lis­tin (2019); Quel­le: Fieux, ebd. 
  6. In Pierre Fieux’ Dic­tion­n­aire de la Pétan­que 2025 neh­men Rochers Pal­ma­res vol­le zwei Sei­ten ein. Da kom­men weder die bei­den Phil­ip­pes – also Quin­tais und Such­aud – noch Mar­co Foy­ot oder Chris­ti­an Fazz­i­no her­an. Allen­falls Hen­ry Lacroix. Aber auch der nicht ganz. Das liegt zum einen an dem frü­hen Kon­takt Rochers zum Pétan­que in einer vor­be­las­te­ten Fami­lie, aber auch an den immer mehr Wett­be­wer­ben, die sich die Ver­bän­de aus­den­ken. Die hier im Mit­tel­punkt ste­hen­den fünf Welt­meis­ter­schaf­ten in Dis­zi­pli­nen, die zu Zei­ten eines Bébert de Cagnes oder gar Alphon­se Bal­di nicht exis­tier­ten, sind ein gutes Bei­spiel der Infla­ti­on an inter­na­tio­na­len Wett­be­wer­ben, die wir erle­ben. Dass die Ver­bän­de – sprich: die Funk­tio­nä­rIn­nen – dabei nicht unbe­dingt im Sin­ne der Spieler­Innen han­deln, zeig­te die Ver­an­stal­tung in Rom mehr als deut­lich. Das Ver­sa­gen des Welt­ver­bands F.I.P.J.P. als selbst­er­nann­tes Kon­troll­organ des ver­an­stal­ten­den Natio­nal­ver­bands wur­de bereits im ers­ten Arti­kel zur WM 2025 the­ma­ti­siert. Es liegt auf der Hand, dass die Spieler­Innen eine eige­ne, unab­hän­gi­ge Inter­es­sen­ver­tre­tung benö­ti­gen, wie es sie in diver­sen ande­ren Sport­ar­ten bereits gibt – auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne. Es ist nicht gewagt vor­her­zu­sa­gen, dass so etwas auch im Pétan­que irgend­wann kom­men wird. Je frü­her des­to bes­ser. Dass ich das noch erle­ben wer­de, ist in Anbe­tracht des Zustands der Pétan­que-Sze­ne aller­dings zwei­fel­haft. 
  7. Halb­fi­na­le Dou­blet­te Mix­te Frank­reich – Thai­land auf You­tube 
  8. Die­go Riz­zis Erfol­ge allei­ne bei Welt­meis­ter­schaf­ten sind beein­dru­ckend. Er war bereits Welt­meis­ter im Tri­plet­te (2024) und im Dou­blet­te (2022). Was ihm bis Rom 2025 fehl­te, war der WM-Titel im Tête-à-tête. Nun, das Häk­chen kann gesetzt wer­den. Sei­ne diver­sen ande­ren Erfol­ge ver­nach­läs­si­ge ich an die­ser Stel­le – Riz­zi ist Legen­de. Quel­le: Fieux, ebd. 
  9. Ales­sio Coc­cio­lo stand bei Dou­blet­te-Welt­meis­ter­schaf­ten zwei­mal im Fina­le. 2019 unter­lag er Lacroix/Suchaud, 2023 reich­te es zum Sieg gegen die Schwei­zer Molinas/Molinas. Bereits 2012 war er bei der Tri­plet­te-Welt­meis­ter­schaft Halb­fi­na­list. 2024 erreich­te er dann im denk­wür­di­gen Fina­le von Dijon den Titel. Übri­gens: alle zusam­men mit Riz­zi. Quel­le: Fieux, ebd. 
  10. Micha­el Dör­hö­fer ver­fass­te mal wie­der eine sei­ner erwart­ba­ren Selbst­be­weih­räu­che­run­gen: Die WM in Rom war selbst­ver­ständ­lich ein Erfolg (sie­he: Feed­back des Prä­si­den­ten zur Fünf­fach-Welt­meis­ter­schaft in Rom, Micha­el Dör­hö­fer, Arti­kel vom 29. Sep­tem­ber 2025; zuletzt abge­ru­fen am 25. Mai 2026). Unter ande­rem schreibt der Son­nen­kö­nig dort: „Unser Team hat sich tadel­los prä­sen­tiert.“ Nun, nach dem besof­fe­nen Bun­des­trai­ner auf einer Jugend- und Espoir-EM sowie dem inter­na­tio­nal beach­te­ten Eklat um Bun­des­trai­ne­rin Lara Koch bei der EM 2024 in San­ta Susan­na bin ich geneigt dar­auf zu ant­wor­ten: „Immer­hin!“ Nie­mand war betrun­ken! Es ist aller­dings zu ver­mu­ten, dass Dör­hö­fer nicht bei der anwe­sen­den nie­der­län­di­schen Spie­le­rin Jose­fi­en Koog­je nach­ge­fragt hat, die über das Fehl­ver­hal­ten der deut­schen Bun­des­trai­ne­rin im Sep­tem­ber 2024 auf Face­book pos­te­te: „I saw it hap­pen at the Euro­pean Cham­pi­on­ships in Mar­tigny and, then to an even worse ext­ent, at the Euro­pean Cham­pi­on­ships in San­ta Susan­na. I wat­ched the coach’s per­for­mance with gre­at ama­ze­ment.“ Ama­ze­ment, also Erstau­nen – es ist bewun­derns­wert, wie nett Jose­fi­en for­mu­lie­ren kann. 
  11. Das Ereig­nis fand in Alto­na auf dem Platz der Repu­blik statt, zu dem die Stadt Ham­burg im Rah­men der drei­ßig­jäh­ri­gen Städ­te­part­ner­schaft mit Mar­seil­le vier Boulis­ten aus der fran­zö­si­schen Hafen­stadt ein­ge­la­den hat­te. Wer damals gegen uns spiel­te, ist für mich nicht mehr her­aus­zu­fin­den. Wur­de damals nicht sogar erzählt, dass es sich um ehe­ma­li­ge Welt­meis­ter han­del­te? Ich weiß es nicht mehr. Viel­leicht hat­te man aber auch nur den Onkel und einen ent­fern­ten Cou­sin des eben­falls anwe­sen­den Émi­le Lovi­no (mehr zu ihm im Abschnitt „Zuga­be“) gra­tis mit nach Ham­burg flie­gen las­sen, die nor­ma­ler­wei­se ihre Frei­zeit­ku­geln aus dem Superm­ar­ché zu eini­gen Glä­sern Pas­tis kul­ler­ten? Ich erin­ne­re mich auf jeden Fall ganz sicher, wie auf­ge­regt ich war – und wie schlecht ich spiel­te. Mein Spiel­part­ner Andre­as war jedoch bereits damals ein aus­ge­zeich­ne­ter Leger und gewann die­se Par­tie für uns. Mit 13 zu 12? 
  12. Quel­le: Fieux, ebd.; Zudem lis­tet er Erfol­ge bei Welt­meis­ter­schaf­ten im Tri­plet­te (Halb­fi­na­le, 2013), im Dou­blet­te (Halb­fi­na­le, 2019) und im Tir de Pré­cis­i­on (Sil­ber­me­dail­le 2004 und 2011, Bron­ze­me­dail­le 2002 und 2009) auf. Die gro­ßen Zei­ten einer Mary­se Ber­ge­ron lagen also deut­lich zurück. 
  13. Die­se Zuga­be gab’s bei dem bereits in einer ande­ren Fuß­no­te erwähn­ten Tur­nier im Rah­men der Städ­te­part­ner­schaft zwi­schen Ham­burg und Mar­seil­le im Jahr 1988. Auf dem Platz der Repu­blik in Alto­na fand das End­spiel zwi­schen Dani­el Per­ret / Klaus Mohr gegen die Mar­seil­ler Spit­zen-Equi­pe aus der Legen­de Émi­le Lovi­no – genannt Milou – und sei­nem mir nicht mehr erin­ner­li­chen Part­ner statt. Beim Stand von 13 zu 1 for­der­te das doch recht zahl­rei­che Publi­kum, dass bis 15 wei­ter­ge­spielt wer­den möge. Das war der damals noch exis­ten­te Modus des WM-End­spiels (zur Erin­ne­rung: Es gab ein­mal im Jahr eine Welt­meis­ter­schaft im Tri­plet­te. Das war’s. Heu­te ist das undenk­bar, Welt­meis­ter­schaf­ten in allen mög­li­chen Vari­an­ten flu­ten den Ter­min­ka­len­der – die Zahl von 575 Spie­len in Rom soll­te allen Ver­ant­wort­li­chen zu den­ken geben. Das Gegen­teil scheint der Fall: Unse­riö­sen Gerüch­ten zufol­ge plant man gera­de eine WM für Män­ner mit Über­ge­wicht.). Die Mar­seil­lai­se war damals sicher schwie­ri­ger zu gewin­nen als eine WM. Apro­pos Mar­seil­le: Pierre Fieux schreibt, dass vie­le Mar­seil­lais Lovi­no für den bes­ten Spie­ler hal­ten, den die Stadt kann­te. Gewon­nen hat er die Mar­seil­lai­se nie. Nach zwei Halb­fi­nal­teil­nah­men in den Jah­ren 1976 und 1989 erreich­te er 1995 noch­mal das Fina­le. Lovi­no ver­starb 2007. 
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