Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die zu lesen sind. Sie stammen nicht etwa von einem genervten Spieler, der sich nach einer Auseinandersetzung über eine Regelfrage mit seinem Gegner überworfen hat. Nein, das Präsidium des Hessischen Pétanque-Verbands (HPV) stellte jüngst in einem Artikel fest, dass es „bei Spieltagen“ Vorfälle gegeben hat, die ich eher im Rahmen eines krakeelenden Pegida-Mobs oder beim Treffen rechtsradikaler Motorradbanden erwarten würde.
Ob Michael Dörhöfer, Präsident des Deutschen Pétanque-Verbands (DPV), die Hell’s Angels, die Flodders oder andere Prolls im Sinn hatte, als er die deutsche Boulegemeinde als „Familie“ bezeichnete?1 Vermutlich nicht. Sein Bild einer heilen Welt stellt sich nach dem HPV-Artikel als nicht mehr ganz so intakt dar.
Der Sonnenkönig muss wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, dass es in seinem Clan neben einigen SäuferInnen,2 die gegen ein konsequentes Alkoholverbot in unserem Sport sind, auch andere schwarze Schafe gibt. Die Meldung des Hessischen Pétanque-Verbands vom 27. Mai 20263 lässt durchscheinen, wie es auf den Plätzen der Pétanque-Ligen zugehen kann.
Daraus sind „Konflikte“ entstanden, wie der HPV feststellt.
Worum ging es da eigentlich?
Die seitens des HPV sehr allgemein gehaltene Beschreibung der Vorfälle lässt viel Spielraum für Interpretationen. Was bedeuten die vom Verband festgestellten „herabwürdigenden Äußerungen über Herkunft, Religion, Nationalität oder persönliche Merkmale“? Was muss man sich unter „sexualisierten Beleidigungen“ vorstellen?
Nun muss man ganz bestimmt nicht en détail beschreiben, wie sich einige Rabauken daneben benommen haben, aber wenn der Verband mit seinem Artikel etwas erreichen möchte, dann wäre es hilfreich gewesen, etwas mehr von dem durchblicken zu lassen, was da auf unseren Bouleplätzen passiert ist.
Warum, das ist einfach erklärt: Schließlich richtet sich die Veröffentlichung des HPV ja wohl weniger an diejenigen, die sich angemessen verhalten, sondern an Rabauken, die Grenzen überschreiten. Dass Grenzen überschritten wurden, werden diese Rabauken aber ganz anders sehen – und deshalb ist es keine schlechte Idee, denen und ihren SympathisantInnen klarzumachen, was eben nicht geht.
Auch wäre es für eine Einordnung gut gewesen, die Anzahl der gemeldeten Vorfälle zu benennen, sowie die Wege, auf denen der Verband davon Kenntnis erlangt hat. Gab es Schiedsrichterberichte, haben Vereine die Vorkommnisse gemeldet oder waren es Einzelpersonen, die sich an den Landesverband gewendet haben?
Die MeToo-Bewegung4 hat gezeigt, wie wichtig es für Betroffene ist, dass Vorfälle an die Öffentlichkeit gebracht werden – und dass es einzelnen Betroffenen hilft, wenn andere sich bereits getraut haben, die Missstände zu thematisieren. Das gilt genauso für die nun vom HPV dargelegten Probleme auf deutschen Bouleplätzen. Allerdings reichen die veröffentlichten Worthülsen nicht aus.
Sind Übergriffe ungewöhnlich?
Bemüht man die allgemeine Lebenserfahrung, dann ist es recht wahrscheinlich, dass die gemeldeten Fälle lediglich die Spitze des Eisbergs sind. Ich erinnere mich an einige Unterhaltungen, in denen LigaspielerInnen – vor allem in unteren Klassen – von Auseinandersetzungen aufgrund mangelnder Regelkenntnisse berichteten. Das führt wohl immer mal wieder zu ernsthaften Konflikten und einem „robusten Umgangston“.
Andererseits ist mein Eindruck, dass der Normalzustand auf deutschen Bouleplätzen ein anderer ist: Nach meiner Wahrnehmung geht es dort überwiegend gesittet zu. Trotzdem kann ich nicht behaupten, zu wissen, welchen Umfang Pöbeleien und Schlimmeres bei Pétanque-Turnieren haben. Nach dem HPV-Bericht ist lediglich klar, dass es schwerwiegende Übergriffe gab.
Werden diese Übergriffe nun aufhören? Ich gehe nicht davon aus. Sie werden vermutlich auch zukünftig passieren – wenn nicht geeignete Maßnahmen getroffen werden.
Was aber sind die Maßnahmen?
Appelle als Lösung?
Begegnet euch mit Respekt, Fairness und Rücksichtnahme. Achtet auf eure Wortwahl und euer Verhalten – besonders in emotionalen Situationen. Helft mit, dass unsere Veranstaltungen Orte bleiben, an denen sich alle Menschen willkommen und sicher fühlen können.
Sport verbindet Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Ansichten – genau das sollte bei unseren Veranstaltungen im Mittelpunkt stehen.
Nun ist es ausdrücklich zu begrüßen, dass sich der hessische Landesverband zu solchen Vorfällen positioniert. Aber reicht es aus, wenn der Landesverband Sachverhalte beschreibt, bei denen ein Verdacht auf erfüllte Straftatbestände aufkommt – und er dann lediglich einen mahnenden Finger hebt? Es bleibt ein schales Gefühl, wenn in dem Artikel lediglich ein Appell an die Rabauken formuliert wird (siehe Kasten), den bereits die Erziehungsberechtigten ihren missratenen Gören hätten nahebringen sollen.
Appelle sind im deutschen Pétanque allerdings eine beliebte Methode der Verantwortlichen, um nichts weiter tun zu müssen. Der Bundesverband setzt hier noch einen drauf und lässt ehemals vorhandene Appelle in der Versenkung verschwinden. Die offenbar notwendige Kampagne des DPV für Fairness und Respekt aber gegen Gewalt und Rassismus (siehe Grafik) war ein gutes Zeichen. Sie ist aber im Durcheinander der DPV-Website untergegangen.
Wie kann es sein, dass das richtige und wichtige Statement des Bundesverbands nicht mehr zu finden ist? Das gehört prominent auf der Startseite platziert (genau wie die jüngsten Erfolge der deutschen SpielerInnen)! Man könnte auf die Idee kommen, dass der DPV solche Themen nicht ernst nimmt.5
Der Verband rät zu „Gelassenheit“
Der HPV setzt nicht auf eine sichtbare Aufarbeitung der nun von ihm angedeuteten Vorfälle. Vielmehr riet er noch vor kurzem zu „mehr Gelassenheit“, wenn ihm Gewaltandrohungen auf unseren Bouleplätzen zu Ohren kamen. So jedenfalls äußerte sich die HPV-Vorsitzende Claudia Auer am 24. März 2026 mir gegenüber in einer Mail:
Abgesehen davon, dass die Präsidentin eine „derzeit angespannte Situation“ erwähnt, von der mir nichts bekannt war, ist dieser Satz eine bemerkenswerte Reaktion auf meine damalige Nachfrage beim HPV. Was war der Hintergrund?
Ende Dezember 2025 wurde mir auf einem Turnier in der Boulehalle Karben offen und vor Zeugen körperliche Gewalt angedroht. Mein Gegner, den ich auch hier aus Gründen der Anonymisierung als „Wally“ bezeichne,6 kündigte mir während und nach der Partie Schläge an. Ich solle am besten nie wieder in der Karbener Halle auftauchen. Der Verein, der 1. PC Petterweil von 1986 e. V., reagierte auf meinen Hinweis nicht akzeptabel. Also fragte ich beim Landesverband an.
Es ging mir darum herauszufinden, ob der hessische Verband im Fall einer Gewaltandrohung bei Vereinsturnieren in Hessen eine Zuständigkeit für sich sieht. Ich war nicht überrascht: Er sieht sie nicht. Die Verantwortung liege „zunächst“ beim veranstaltenden Verein, so der HPV. Und dann riet man mir – zu mehr Gelassenheit.
Ich verstehe die Haltung meines Landesverbands im März 2026 so: Wenn dir jemand auf dem Platz Schläge androht, bleibe ruhig und nimm es einfach hin! Wir vom HPV werden dir übrigens nicht zur Seite stehen, solange es sich um ein Turnier handelt, das nicht vom HPV ausgeschrieben wurde. Dabei ist es uns nicht wichtig, dass der veranstaltende Verein Mitglied im HPV ist, und sich deshalb an die Vorgaben der Satzung des Landesverbands und an die internationalen Regeln halten muss.7
Zur Klarstellung: Ich spiele nicht in einer Liga und aktuell auch keine DM-Qualifikationen. Deshalb bin ich von von den Geschehnissen der aktuellen Meldung des Landesverbands, die sich wohl nur auf HPV-Veranstaltungen bezieht, nicht betroffen. Ich kenne aber einige Rabauken aus eigener Erfahrung. So war der eben geschilderte Fall mit Wally nicht der erste, bei dem ich in der Karbener Halle bedroht wurde.8
Nun taucht also Monate später diese Meldung des Landesverbands über unhaltbare Zustände auf hessischen Bouleplätzen auf. Hat man im HPV mittlerweile begriffen, dass „Gelassenheit“ nicht das Rezept ist, mit dem man diesen Auswüchsen entgegentritt?
Konsequenzen?
Der HPV hat nicht nur keine weiteren Details über die Vorfällen offengelegt – es fehlt auch jeder Hinweis zu den Konsequenzen. Wurden Verfahren eingeleitet, Sanktionen ausgesprochen? Oder kamen die Familienmitglieder, die sich daneben benommen haben, vielleicht ohne Folgen davon?
Hierzu kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es kein Vertrauen aufbaut, wenn von Übergriffen Betroffenen lediglich mitgeteilt wird, dass die Angelegenheit geregelt worden sei. Genau das hatte mir der Karbener Verein zu dem potentiellen Schläger Wally geschrieben: Man habe „die Angelegenheit mit unserem Vereinsmitglied vereinsintern geprüft und geregelt“. Was und wie „geregelt“ wurde, ist bis heute unklar.
Fakt ist: Der Rabauke spielte die Turnierserie weiter, während ich ihr aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen fernblieb.9
Man muss nun keine lange Diskussion zu Aspekten wie Genugtuung oder gar Sühne führen. Es ist offensichtlich, dass es eben nicht ausreicht wenn – zudem erst auf Nachfrage – der betroffene Verein mir lediglich mitteilt, dass der Rabauke „von weiteren Aktivitäten dir gegenüber absieht.“ Muss ich für diese Selbstverständlichkeit vielleicht auch noch dankbar sein? Nein, eine angemessene Regulierung einer Gewaltandrohung durch ein Vereinsmitglied sieht anders aus.
Betrachtet man die Situation der nun aktuell in Hessen von den Übergriffen betroffenen SpielerInnen, dann kann es nicht sein, dass der Verband die Fragen zum Vorgehen und möglichen Sanktionen nicht weiter klärt. Selbstverständlich müssen die Folgen der öffentlich erfolgten Übergriffe nun auch durch den Landesverband öffentlich behandelt werden. Es ist wenig erträglich, dass die Meldung des HPV den Eindruck zulässt, die Rabauken würden lediglich mit einer freundlichen Ermahnung bedacht.
Was fehlt
Statt Transparenz setzt der HPV offenbar auf Verschleierung. Statt energischen Durchgreifens werden brave Appelle verbreitet. Das ist nach den offensichtlichen Geschehnissen weder im Sinne unseres Sport, noch für die von den Vorfällen Betroffenen akzeptabel.
Im März 2026 war ich noch davon überzeugt: Hätte Wally seine Drohungen während eines Lizenzturniers ausgesprochen, hätte das rigorose Folgen für ihn gehabt. Die aktuelle Meldung des HPV lässt mich aber daran zweifeln: Wenn der Landesverband nicht mit einem Wort auf die Folgen für die Rabauken eingeht, die sich auf Verbandsturnieren in unerträglicher Weise benehmen, dann stimmt da etwas nicht.
Es herrscht Klärungsbedarf, wertes Präsidium des Hessischen Pétanque-Verbands! Ich habe allerdings große Zweifel, dass ihr das auch so seht.
Gelassen bin ich übrigens immer noch nicht, wenn es um Schläger und andere Rabauken auf unseren Bouleplätzen geht.
- siehe: Interview mit Michael Dörhöfer, Franks Pétanque, 13. September 2025 ↩
- Mir sind beim Pétanque bisher zwar meist besoffene Jungs unter die Augen gekommen, es waren aber auch schon mal Mädels dabei. ↩
- Artikel des HPV-Präsidiums: Für Respekt und Fairness in unserem Sport ! (sic!), 27. Mai 2026, zuletzt abgerufen am 4. Juni 2026 ↩
- Diese kurze Einführung in die MeToo-Bewegung hilft, ihre grundsätzliche Bedeutung zu verstehen. Wer mehr wissen möchte, kann in einem Wikipedia-Artikel eine detailliertere Betrachtung zu MeToo finden. Unabhängig von den unterschiedlichen Sichtweisen auf die MeToo-Bewegung ist es Fakt, dass das Thema erst dann eine gesellschaftliche Relevanz erreichte, nachdem sich Menschen öffentlich dazu äußerten. ↩
- Es ist bekannt, dass der DPV seine Aufgaben nur teilweise wahrnimmt. Das wurde auf Franks Pétanque immer wieder thematisiert und belegt. Gerne nutzt der Verband auch Appelle, um nicht selbst tätig werden zu müssen. Noch ziemlich frisch in Erinnerung ist die Aktion des DPV gegen Drogen auf dem Bouleplatz: Da behauptete der Bundesverband im Artikel Auf dem Bouleplatz: Kein Alkohol – Keine Drogen – Keine Probleme, er stelle sich dieser Problematik und nähme seine Verantwortung wahr – um einen Absatz später die Verantwortung an die Veranstalter weiterzugeben („… setzt der DPV auf die Eigenverantwortung der Ausrichter …“). Das ist lächerlich und eines ernst zu nehmenden Sportverbands, der gestalten will, unwürdig. ↩
- Wer Franks Pétanque regelmäßig liest, wird sich an den Artikel Heul doch! Heul doch! vom 20. Dezember 2025 erinnern. Die Details sind im Artikel nachzulesen. Der Protagonist der Geschichte – bereits damals von mir namentlich nicht genannt, sondern mit dem Spitznamen „Wally“ bedacht – war es, der mir am 30. Dezember 2025 ganz offen während und nach einem Turnierspiel Schläge androhte. ↩
- Ohne hier in die Tiefe gehen zu wollen: Der Landesverband schreibt sich selbst in seine Satzung, dass seine Aufgabe unter anderem „die Überwachung des Spielverkehrs der Vereine“ ist (§ 3, Abs. 2, lit. b.). ↩
- Es muss im Dezember 2024 gewesen sein, als mir ein heutiger Frankfurter Bundesligaspieler ebenfalls auf einem Doublette-Turnier in der Karbener Halle Gewalt androhte. Ich hatte ihn erst um ausreichend Abstand neben dem Cochonnet gebeten und dass er sich nicht direkt dahinter aufhalten möge, während mein Team spielen musste. Als er das ignorierte, stellte ich mich zwischen ihn und das Cochonnet. Seine Empörung darüber war groß: Er bedrängte mich körperlich und drohte mir Schläge an. Seine Spielpartnerin, heute ebenfalls eine Bundesligaspielerin, war zurückhaltender, ließ die Gewaltandrohung ihres Vorlegers aber zu. Der Bundesligaspieler bestätigte nach dem Turnier gegenüber mehreren anderen Spielern, dass er mir Schläge angedroht hatte und betonte, dass er das auch für gerechtfertigt halte: Ich hätte ihm gegenüber keinen Respekt gezeigt. ↩
- Im Rahmen seiner Gewaltandrohung bedeutete Wally mir, dass ich besser nie wieder nach Karben kommen solle. Ich habe meine Teilnahme an der Winterrunde abgebrochen und seit dem Vorfall am 30. Dezember 2025 die Angebote des 1. PC Petterweil bis heute gemieden, da ich mich bedroht fühlte. Auch sonst habe ich – mangels Spielpraxis, die ich mir in der Winterserie in Karben holen wollte – kein Turnier mehr gespielt. Ich gehe davon aus, dass Wally recht zufrieden ist. ↩










