Ach ja, die Technik! Sie ist neben der Taktik und der Kopfsache – in diesem Hohlkörper geht viel mehr ab, als man denkt! – der wichtigste Faktor beim Pétanque. Wie macht man es richtig? Drei SpielerInnen, vier Meinungen. Wenn das man reicht.
Erfahrene BoulistInnen wissen: Oft sind es Kleinigkeiten der eigenen Wurftechnik, die über den Erfolg oder Misserfolg einer Kugel entscheiden. Um diese Kleinigkeiten wahrzunehmen, muss man sich selbst beobachten. Jedenfalls solange man nicht „im Flow“ angekommen ist und sowieso alles von alleine klappt.
Und da spielt dann plötzlich dieser Neue mit uns, der die Boule umfasst, als müsse er eine schwere Bowlingkugel halten. Die erste Pétanque-Kugel seines Lebens spielt er tatsächlich mit offener Hand! Naja, Anfänger eben.
Seinen Arm hält er vor dem Körper, legt alle Kraft in den Wurf. Natürlich hat er absolut keine Ahnung und meint wahrscheinlich, dass er einfach so an die Sau legen kann. Einfach so, ohne all die technischen Finessen, die wir in vielen Partien selbst kaum ergründet haben! Wir drücken inständig alle Daumen, dass ihm das auf diese völlig unausgereifte Art nicht gelingen möge. Schließlich halten unsere mit äußerster Achtsamkeit gespielten Kugeln ja auch nach jahrelanger Praxis viel zu häufig einen erstaunlichen Abstand zur Zielkugel. Da sollte dieser Neue doch wohl nicht …
Zur allgemeinen Erleichterung – die sich niemand anmerken lässt – geht der erste Wurf des Neuen mit offener Hand selbstverständlich schief: Die Kugel liegt irgendwo am Ende des Platzes. Den hocherfreuten Ausruf des Novizen: „Oh, fast getroffen!“, nachdem seine kurz hinter dem Wurfkreis auf den Boden geschleuderte Boule einen Meter an der Sau mit einem Tempo vorbeitobt, als müsse sie es bis La Ciotat1 schaffen, quittieren wir mit einem versteckten Lächeln, dem eine gewisse Zufriedenheit nicht abzusprechen ist.
„Das war schon nicht schlecht – jetzt noch fünf Meter kürzer!“, so wird der Neuling mit gespielter Begeisterung bei Laune gehalten. Währenddessen wird unser dezentes Tippen mit der Schuhspitze neben dem Cochonnet etwas energischer.
Für uns ist das alles nicht überraschend, denn wir kennen den hilfreichen Effekt des Rückdralls, den unser eifriger Anfänger ja erst noch entdecken muss. Eventuell erinnern wir uns ja auch noch an unsere ersten Würfe?
Egal, jetzt ist der Augenblick gekommen! Wir legen uns das gesamte Arsenal an Ratschlägen zurecht und prahlen mit sachkundigen Antworten auf elementare Fragen, die niemand gestellt hat: Wie also hält man eine Kugel richtig in der Hand? Sollte der Wurfarm gestreckt sein? Nutzt man eher Schwung oder Kraft? Was macht der andere Arm während des Wurfs? Sollte der Oberkörper leicht gebeugt sein, gar unterstützend bewegt werden? Und die Füße – gaaanz wichtig: Wie sollte man stehen?
Die Liste der möglichen Tipps ist weit, weit länger. Sie ist so lang, dass unser Anfänger sich natürlich nichts davon merken wird, was wir ihm an Boule-Weisheiten vermittelt haben. Auch dieses Phänomen ist nicht neu.
Eine Woche später, nächster Termin. Der Anfänger ist wieder dabei. Sehr ersichtlich hat er alles, naja, fast alles vergessen, was ihm vor ein paar Tagen in epischer Breite erklärt wurde. Immerhin: An den Handrücken über der Kugel erinnert er sich noch. Aber das war’s auch schon.
Ohne all den anderen Ballast aber spielt er – beeindruckend gut. Kennen wir alle, oder? Das ist wirklich nicht ungewöhnlich für AnfängerInnen. Unsere Verzweiflung über diese unbefangen, aber erfolgreich geworfenen Kugeln wächst umgekehrt proportional mit deren Entfernung zum Cochonnet.
Wozu suchen wir uns eigentlich sorgfältigst ein Donnée, geben der Superinox mit Anti-Rebond-Effekt – natürlich elegant aus der Hocke gespielt wie ein Quintais2 – einen leichten Linksdrall, um an der im Weg liegenden Boule geschickt vorbei zu legen? Warum entfernen wir vor jedem Wurf penibel jedes Staubkorn vom Stahl? Warum wischen wir die Spielhand mehrfach an der vorhin sicher noch sauberen Hose ab – wenn der Neue sein peinlich chromglänzendes Ikea-Altmetall irgendwie an die Sau schleudert? Und er hat noch nicht mal einen Lappen!
Eines Tages aber, nicht viele Wochen später, da kommt unsere Stunde. Plötzlich gehen dem Neuen die Kugeln nicht mehr so locker von der Hand. Ha! Endlich! Wir wussten es ja! Mit tiefer Befriedigung erkennen wir, wie es in ihm arbeitet, in diesem bisher mit so unverschämter Leichtigkeit werfendem Neuling. Korrigiere: ehemaligen Neuling. Endlich ist er da angekommen, wo wir alle schon mal waren – oder immer noch sind.
In den plötzlich tiefen Falten seiner Stirn kann er die Frage nicht verstecken: Woran liegt es, dass heute so wenig Würfe klappen? Neulich dachte unser Neuer noch an eine steile Karriere als begnadetes Leger-Naturtalent – und nun reichen seine gespielten Kartoffeln für die Speisung eines Triplettes samt Coach und Schiedsrichter?
Das ist nun erneut unser Moment – und diesmal so richtig. Auch, wenn das ja bereits vor Wochen ausführlich durchgekaut wurde – jetzt treffen sie auf offenere, ja fast wissbegierige Ohren: Die Ratschläge der Erfahreneren ergiessen sich über den Platz und werden aufgrund der sichtbaren Verzweiflung des Zuhörers von ihm weit besser aufgenommen. Hoffen wir. Selbstverständlich ist es auch hier wie immer: drei SpielerInnen, vier Meinungen. Und alle reden auf ihn ein.
In ein paar Monaten wird sich unser selbstverständlich liebgewonnener und bis dahin längst etablierter Mitspieler selbst trauen. Dann haben wir eine neue Situation, wenn wieder mal ein Neuer auf dem Platz erscheint: vier SpielerInnen, fünf Meinungen. Wenn das man reicht.
Zum Hintergrund
Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Boulodrome Brachttal“, dessen digitaler Ableger mittlerweile eingestellt wurde. Der Grund: In der analogen Welt des Projekts gab es zu viel Boule, zu wenig Pétanque und vor allem keinen Bedarf an Boulevard.