Interview

Zeitzeugen ⋅ Gespräche ⋅ Meinungen

Interview mit einer Legende

Im Gespräch mit Michael Hornickel

Datum

15. März 2025

Beteiligte

Michael Hornickel, Frank Jermann

Interview

Michael Hornickel vor der Kastanie in Berlin

Die Geschich­te des Pétan­que ist in unse­rem Land rela­tiv kurz. Ver­gli­chen mit der fran­zö­si­schen feh­len uns min­des­tens die ers­ten 50 Jah­re. Was in der Pro­vence nach der Erzäh­lung Ernest Piti­ots über Jules Hugues, genannt „Le Noir“, im Jahr 1910 in La Cio­tat begann, hat bei uns kein auch nur annä­hernd so frü­hes Gegen­stück. Pétan­que war bei uns erst in den 1960er Jah­ren sicht­bar.1

Aller­dings sind Spu­ren aus den frü­hen Zei­ten der 60er und 70er Rari­tä­ten. Mit fort­schrei­ten­der Zeit gera­ten Spie­le­rIn­nen und Umstän­de die­ser frü­hen deut­schen Boulis­tIn­nen-Sze­ne heu­te immer mehr in Vergessenheit.

Ein Zeu­ge der dama­li­gen Zeit ist Micha­el Hor­ni­ckel. Sei­ne boulis­ti­sche Geschich­te beginnt in den sech­zi­ger Jah­ren in Frank­reich. Dar­aus erga­ben sich bemer­kens­wer­te Erfol­ge: Er war 1981 nicht nur der ers­te Deut­sche Meis­ter im Dou­blet­te, im sel­ben Jahr gelang ihm auch die Meis­ter­schaft im Tri­plet­te. Sein Ein­fluss auf das deut­sche Pétan­que ist nicht nur des­halb hoch einzuschätzen.

Neben spie­le­ri­schen Erfol­gen ist das von ihm ver­fass­te ers­te deutsch­spra­chi­ge Pétan­que-Buch Jeux de Boules2 zu erwäh­nen. Es wird immer noch ver­kauft und hat bei uns bis heu­te sicht­ba­re Spu­ren hinterlassen.

Sehr zu mei­ner Freu­de hat­te ich im Herbst 2024 die Gele­gen­heit, in der Pro­vence mit Micha­el über Ver­gan­ge­nes und Aktu­el­les zu sprechen.

Ers­ter Teil:
Som­mer in der Pro­vence, Tur­nie­re in Frank­reich und Deut­sche Meisterschaften

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Frank: Ich habe 1985 ange­fan­gen, Boule zu spie­len. In unse­ren Vor­ge­sprä­chen hast du erzählt, dass du zu dem Zeit­punkt eigent­lich schon wie­der auf­ge­hört hat­test. Wann hast du angefangen?

Micha­el: Ich war als klei­ner Bub ab mei­nem zehn­ten oder elf­ten Lebens­jahr jeden Som­mer in Urlaub in Süd­frank­reich und irgend­wann kommt man dann auch auf den Boule­platz. Der war ja damals in jedem Dorf das Zen­trum. Der Dorf­platz war der Boule­platz und es war auch ein biss­chen der Mit­tel­punkt des sozia­len Lebens in den Dörfern.

Wir hat­ten so eine klei­ne Hüt­te am Hang zum Meer run­ter, das nann­te man ein Caba­non. Das sind klei­ne Hüt­ten, ent­stan­den aus der Land­wirt­schaft. Ursprüng­lich wur­den sie genutzt um Schutz zu fin­den, wenn man auf dem Feld ist und es ein Gewit­ter gibt und um sei­ne Gerät­schaf­ten unter­zu­stel­len. Unser Caba­non stand in einer klei­nen Sied­lung, fast ein biss­chen wie eine Schre­ber­gar­ten­sied­lung. Im Zen­trum die­ser Sied­lung war auch ein klei­ner Boule­platz, gera­de so über dem Strand, mit zwei Knei­pen, die trotz des klei­nen Ortes damals ganz gut funktionierten.

Es war der Treff­punkt der Leu­te. Man hat­te kei­nen Fern­se­her daheim. Das war 1963, 64, in dem Dreh. Und da gab es dann eine alte Män­ner­cli­que, die traf sich jeden Tag um 17 Uhr unterm Baum am Boule­platz. Sie haben sich einen Pas­tis kom­men las­sen, spä­ter, als sie ein biss­chen älter wur­den, war es dann eine Limo­na­de. Auch gelb: Oran­gi­na. Es spiel­ten immer die glei­chen Leu­te Boule. Der Platz war fast wie ein Amphi­thea­ter – es waren drei Stu­fen, 20 Meter lang, da konn­te ich mich hin­set­zen und zugu­cken. Und ich habe davon geträumt, auch mal mit­spie­len zu dürfen.

Eines Tages hat einer der Spie­ler gefehlt. Ich saß wie­der da und bin etwas ner­vös auf mei­nen Platz rum­ge­rückt, denn ich hoff­te, dass die mich mal fra­gen. Und tat­säch­lich, sie haben mich gefragt, ob ich mit­spie­len möch­te. Naja, die haben eigent­lich nicht gefragt, son­dern gesagt: „Eh, petit, viens!“ „Also, Klei­ner, komm!“

Ich hat­te mitt­ler­wei­le schon meh­re­re Jah­re zuge­guckt, wie die da spie­len. Es ging immer durch die glei­che Rin­ne auf dem glei­chen Platz. Ich wuss­te ganz genau, wo ich auf­set­zen muss­te, erst links, damit die Kugel in der Rin­ne nach rechts läuft und dann wie­der gera­de und so wei­ter. Das habe ich dann als unbe­darf­ter Jun­ge gleich per­fekt hin­ge­kriegt. Und die waren ganz baff.

Na ja, schon in der zwei­ten oder drit­ten Auf­nah­me kam dann ihr feh­len­der sechs­ter Mann und ich muss­te für ihn den Platz räu­men. Sie waren, glau­be ich, ganz froh, dass sie wie­der unter sich waren.

Ihr wart dort auf Urlaub, sag­test du?

Wir waren da immer auf Urlaub.

Drei oder sechs Wochen?

Jeden Som­mer fünf Wochen. Wir hat­ten ja sechs Wochen Feri­en. Also min­des­tens fünf davon war ich dort. Das war ganz toll für uns Kin­der, denn da gab es kei­ne Autos. Man hat eigent­lich am ers­ten Urlaubs­tag eine Bade­ho­se ange­zo­gen und sonst nichts. Am letz­ten Urlaubs­tag zum ers­ten Mal wie­der Schu­he. Das ist ganz wit­zig, mal fünf Wochen kei­ne Schu­he zu tra­gen und dann Schu­he anzu­zie­hen. Das fühlt sich ganz, ganz selt­sam an. Aber es war eine schö­ne Zeit für uns Kin­der, denn wir konn­ten rumtollen.

Das war 20 Jah­re nach dem Krieg. Da wur­de man als Deut­scher noch ein biss­chen – ja wie soll ich das sagen – arg­wöh­nisch beäugt.

Auch als Kind?

Mich hat man das nicht spü­ren las­sen, aber ich kann­te ja auch als Kind unse­re Ver­gan­gen­heit und ich fühl­te mich da ein biss­chen unwohl, weil ich mir dach­te, dass die Leu­te sich auch unwohl füh­len, wenn sie einem Deut­schen begeg­nen. Es war sogar so, dass sie sich bemüht auf­ge­schlos­sen und inter­es­siert prä­sen­tier­ten. Aber trotz­dem spür­te man, ein biss­chen geniert war eigent­lich jeder. Und so ging es mir auch.

Noch mal zurück zu der Sze­ne, als du das ers­te Mal Kugeln gewor­fen hast. Da hast du ja nicht das Boule­spie­len gelernt. Das inten­si­ve­re Spiel fing spä­ter an, aber wann?

Ja, viel­leicht zehn Jah­re spä­ter, als ich so Anfang, Mit­te 20 war. Das war dann Mit­te der Sieb­zi­ger Jah­re, ich weiß es nicht mehr genau.

Und wo war das?

Das war wie­der in der Nähe unse­res Caba­nons. Das hat­ten wir lei­der durch einen Erd­rutsch ver­lo­ren. Es durf­te auch nicht wie­der auf­ge­baut wer­den. Mei­ne Eltern hat­ten sich im Ort Le Pra­det – das ist bei Tou­lon – ein klei­nes Haus gebaut und dort haben wir dann unse­re Feri­en ver­bracht. Irgend­wann bin ich dort mit Freun­den auf den Boule­platz gegan­gen und habe auch mal ein Tur­nier gespielt. Natür­lich haben wir unser ers­tes Spiel gna­den­los ver­lo­ren – gegen, wie ich spä­ter erfuhr, gar nicht mal so gute Spie­ler: Es war der Wirt der Knei­pe und wir haben auf die­se Wei­se schnell Anschluss gefunden.

Aber du bist schon vor­her auf dem Platz gewe­sen und hast mal Kugeln gewor­fen oder war Dei­ne ers­te Erfah­rung die­ses Turnier?

Wir haben unter uns schon mal ein paar Kugeln gewor­fen, viel­leicht ein, zwei Jah­re vor­her, im Som­mer mal – nur ab und zu. Aber irgend­wann hat­te ich dann doch ange­bis­sen und woll­te das regel­mä­ßi­ger machen. Wir haben dann in der zwei­ten Hälf­te der 70er Jah­re zwei Mona­te im Som­mer Boule gespielt.

In Frank­reich?

In Frank­reich, in der Pro­vence und wir sind über die Dör­fer getin­gelt, von Tur­nier zu Turnier.

Was macht man zwei Mona­te als jun­ger Mensch in Süd­frank­reich, wenn man nicht Boule spielt?

Da muss ich wirk­lich mal in mei­nem Gedächt­nis kra­men. [Denkt nach.] Ich habe mal stu­diert, zwei Jah­re in Aix-en-Pro­vence. Und ich habe natür­lich Feri­en gemacht. Als Stu­dent hat­te man halt zwei Mona­te Semesterferien.

Du hast vor­hin den Platz dei­nes ers­ten Kon­takts mit dem Boule­spiel beschrie­ben: „fast wie ein Amphi­thea­ter“. Wir haben uns heu­te Mor­gen in der Bar des Sports in Sablet getrof­fen. Der Park­platz davor ist zuge­teert, die Autos par­ken ihn zu und es ist nicht mehr char­mant. Wenn ich durch Süd­frank­reich fah­re, sehe ich das fast immer. Es gibt zwei, drei Orte, an die ich mich erin­nern könn­te, in denen es noch einen klas­si­schen Dorf-Boule­platz mit einer Bar gibt. Wie ist dei­ne Erfah­rung heu­te im Ver­gleich zu der Geschich­te, die du frü­her erlebt hast? Fin­det man sol­che Plät­ze noch?

Ganz sel­ten. Ich weiß nicht, wann es ange­fan­gen hat, aber irgend­wann kamen die Leu­te dar­auf, in den Dör­fern die Dorf­plät­ze zu zu beto­nie­ren, um Park­plät­ze zu schaf­fen. Das fing wahr­schein­lich damit an, dass sich Anwoh­ner beschwert haben, über den Krach und den Staub, den Boule­spie­ler machen. Aber bis in die 60er, 70er Jah­re war das Boule­spiel Teil des öffent­li­chen, dörf­li­chen Lebens. Es war eine ganz wich­ti­ge sozia­le Kom­po­nen­te, weil man sich wirk­lich in vie­len Dör­fern nach Fei­er­abend – aber noch vor dem Abend­essen – zu einem Boule­spiel getrof­fen hat. Viel­leicht wur­de noch ein Ape­ri­tif dazu genom­men. Viel­leicht nicht in jedem Dorf, aber ich ken­ne vie­le, in denen das so war.

Nur ganz weni­ge hat­ten damals einen Fern­se­her. Man saß ohne­hin vor sei­ner Tür auf der Stra­ße und hat mit den Nach­barn gequatscht. Das ist inzwi­schen alles ver­lo­ren gegan­gen. Die Boule­plät­ze sind jetzt aus­ge­la­gert wor­den und die Boule­spie­ler wur­den qua­si ghet­toi­siert. Die sozia­le Kom­po­nen­te ist ein biss­chen ver­lo­ren gegan­gen, weil das gan­ze Dorf betrof­fen war, als der Boule­platz noch im Zen­trum war. Heu­te ist es eigent­lich nur noch eine Cli­que, die irgend­wo abseits auf einem abge­grenz­ten Gelän­de ihrem Lieb­lings­spiel nachgeht.

Frü­her war in den Dör­fern die wich­tigs­te Per­son immer noch der Bür­ger­meis­ter. Dann kam ent­we­der der Dorf­leh­rer oder der Pfar­rer und an vier­ter Stel­le spä­tes­tens kam der Dorf-Crack im Pétan­que. Der war jemand im Dorf. Der war ein Mon­sieur.

Kannst du dich erin­nern, ob es damals Ver­eins­struk­tu­ren gab oder ob man ein­fach so spielte?

Man hat­te schon Ver­ei­ne gegrün­det. Irgend­wann aus ver­si­che­rungs­tech­ni­schen Grün­den. Aber so etwas wie Liga­be­trieb, ich weiß nicht, wann das ein­ge­führt wur­de. Damals in den 70er Jah­ren kann ich mich nicht ent­sin­nen, dass es so was gab. Das Boule­spiel war eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung und es gab natür­lich die Tur­nie­re, auf denen man sich mit den Boule-Cracks aus den Nach­bar­dör­fern gemes­sen hat, was auch immer eine span­nen­de Kom­po­nen­te war.

Ja, das glau­be ich.

Da wur­de man schon beäugt. Wenn man dann den Dorf-Crack raus­ge­schmis­sen hat beim Tur­nier, dann wur­de man von den Zuschau­ern beob­ach­tet und wei­ter ver­folgt. Das hat dann schon immer eine gewis­se Bedeu­tung gehabt. Fast so ein biss­chen wie Revol­ver­hel­den, so habe ich mir das manch­mal vorgestellt.

Man respek­tier­te sich, aber man schmiss sich dann auch raus. Jedes Tur­nier war übri­gens K.-o.-System. Es gab gar nichts ande­res frü­her in den 60er, 70er Jah­ren. Da gab es kein Geplän­kel mit Grup­pen­spie­len oder, ich weiß nicht, wie das heu­te heißt – Schwei­zer Sys­tem – wo du dann fünf Spie­le machst und viel­leicht nach dem zwei­ten ver­lo­re­nen Spiel merkst, dass du schon kei­ne Lust mehr hast, aber noch drei ande­re machen musst. Das war damals nicht so.

Nun war es wahr­schein­lich auch ein­fa­cher, weil die Leu­te nicht weit gefah­ren sind. Sie kamen ver­mut­lich über­wie­gend aus dem Dorf oder der Regi­on. Wenn man ein Spiel ver­lo­ren hat­te, dann ging man um die Ecke nach Hau­se oder trank wie sonst auch einen Pas­tis. Im K.-o.-Modus aus­zu­schei­den war so nicht furcht­bar tragisch.

Auf die­sen Dorf­tur­nie­ren hat man den Ver­lie­rer zu einem Erfri­schungs­ge­tränk ein­ge­la­den, was meis­tens ein Pas­tis war. Nicht immer, aber oft. Es gab extra ganz klei­ne Glä­ser, die nann­ten die Baby, damit man nicht so viel Alko­hol trinkt. Denn falls du ins Fina­le kommst, dann musst du ja schon fünf, sechs Pas­tis trin­ken, bis du soweit bist.

Irgend­wann hast Du dann dei­ne Lei­den­schaft, das Pétan­que, in Ber­lin gesucht.

Ja, ich hat­te einen Stu­di­en­platz in Ber­lin bekom­men. Anfangs kann­te ich dort noch nie­man­den. In der zwei­ten Woche sah ich in einer Stadt­zei­tung eine Anzei­ge, dass ein Bou­letur­nier vor der Kas­ta­nie statt­fin­den soll­te. Die Kas­ta­nie ist eine Knei­pe in Char­lot­ten­burg. Da ich sonst nie­man­den kann­te, habe ich mir ein­fach mei­nen Nach­barn geschnappt, habe dem drei Boules in die Hand gedrückt und dann sind wir zu die­sem Bou­letur­nier gefahren.

Wir waren mor­gens natür­lich pünkt­lich zur Ein­schrei­bung da – und wir waren die ers­ten. Die hat­ten das schon so ein wenig drauf wie die Fran­zo­sen, man kam halt ein biss­chen spä­ter. So haben wir dann Anschluss bekom­men. Das war ein über­schau­ba­rer Kreis. Ich weiß es nicht mehr genau, da waren viel­leicht 30, 40 Dou­blet­tes, wenn überhaupt.

Am Anfang war das natür­lich noch ein bunt gemisch­ter Hau­fen, nicht alle haben das Spiel so rich­tig ver­stan­den oder haben es anders gese­hen. Wenn man Kugeln des Geg­ners weg schoss, galt man als ver­bis­se­ner Boulespieler.

Es gab in Ber­lin damals den fran­zö­si­schen Sek­tor und in die­sem Sek­tor, in Tegel, war ein Boule­club. Das war eine klei­ne Park­an­la­ge mit Knei­pe und allem drum und dran, sehr kom­for­ta­bel. Und dort sind dann die­je­ni­gen, die ambi­tio­nier­ter Boule spie­len woll­ten, irgend­wann mal hin. Wir wur­den da, wenn auch vor­sich­tig, nach und nach will­kom­men gehei­ßen. Irgend­wann haben die sich sogar gefreut, dass wir da waren. Mit den Fran­zo­sen zu spie­len war natür­lich ein ganz ande­res Niveau.

Die haben merk­lich bes­ser gespielt?

Ja natür­lich, bes­ser als vor der Kas­ta­nie auf der Schloss­stra­ße. Den Club gibt es übri­gens heu­te noch. Er gehört natür­lich nicht mehr Fran­zo­sen, son­dern ist jetzt ein Ber­li­ner Club.

Wenn du vor der Kas­ta­nie die ers­ten Tur­nie­re gespielt hast und das in der zwei­ten Hälf­te der 70er Jah­re war, dann war ja gar nicht viel Zeit, bis du dei­ne ers­te Deut­sche Meis­ter­schaft gewon­nen hast.

Mei­ne ers­te Meis­ter­schaft habe ich 1981 gewon­nen, glau­be ich. Wir hat­ten erfah­ren, dass es eine Deut­sche Meis­ter­schaft Tri­plet­te gab. 1977 oder 78 war das. Wir haben Kon­takt auf­ge­nom­men mit den west­deut­schen Clubs. Die gab es in Bonn, Frei­burg, in Baden gab es meh­re­re an der fran­zö­si­schen Gren­ze. Und natür­lich im Saar­land. Außer­dem noch Bad Godes­berg. Das waren die ers­ten Hoch­bur­gen, aber es gab noch kei­nen Verband.

Ab 81 gab es dann auch eine Dou­blet­te-Meis­ter­schaft. Da sind wir hin und hat­ten das Glück die ers­te Deut­sche Meis­ter­schaft im Dou­blet­te zu gewinnen.

Weißt du noch wo das war?

In Ras­tatt.

Wei­te Fahrt!

Das war so für uns Ber­li­ner. Wir kamen ziem­lich über­näch­tigt an. Wir sind sams­tags mor­gens los­ge­fah­ren und tor­kel­ten dann müde um zwei Uhr auf den Platz und muss­ten spie­len. Beson­ders kuri­os: Im ers­ten Spiel sind wir gegen Ber­li­ner gekom­men, also gegen Freun­de. Da woll­te kei­ner wirk­lich gewin­nen. Auch im zwei­ten Spiel hat­ten wir eigent­lich kei­ne Lust mehr. Na ja, wegen der Müdig­keit konn­ten wir ein­fach nicht.

Wir haben 12 zu 0 zurück­ge­le­gen und haben es dann noch 13 zu 12 gewon­nen. Da waren wir dann wach und haben bis zum Fina­le ins­ge­samt kei­ne 13 Punk­te mehr abge­ge­ben. Auch das Fina­le haben wir ziem­lich hoch gewonnen.

Weißt du noch, wie vie­le Mann­schaf­ten teil­ge­nom­men haben?

Es war nicht so groß. Bei den Dou­blet­tes viel­leicht 90, bei den Tri­plet­tes weniger.

Und wur­de gleich K. o. gespielt?

Nein, da gab es schon Grup­pen­spie­le. Man konn­te sich in der Grup­pe eine Nie­der­la­ge erlau­ben. Erst ab da ging es dann mit Quad­ra­ge und K. o. weiter.

Zum Glück für die weit Ange­reis­ten. Also wenn ihr um 2 Uhr in Ras­tatt ange­fan­gen habt zu spie­len, wann seid ihr los­ge­fah­ren in Berlin?

Mor­gens um 4 Uhr oder so. Viel­leicht war es auch 6. Aber wir waren schon ziem­lich müde.

Zudem ging’s ja durch die DDR auf der Tran­sit­au­to­bahn. Das konn­te man ja auch nicht unbe­dingt zeit­lich planen.

Das war damals eben so. Wir haben die Tages­zei­tung jeden Tag auf­merk­sam gele­sen. Vom Ost-West-Kon­flikt war man ja als Ber­li­ner per­sön­lich betrof­fen. Wenn es da irgend­wel­che Rei­be­rei­en gab, wur­de an der Gren­ze „Dienst nach Vor­schrift“ gemacht. Man muss­te auch mal eine Stun­de war­ten, bis man durch­ge­wun­ken wur­de. Es gab immer eine klei­ne Unwägbarkeit.

Aber ihr habt es geschafft!

Wir haben es geschafft, uns über den Sams­tag zu ret­ten. Am nächs­ten Mor­gen waren wir ein biss­chen fitter.

Am Sonn­tag seid ihr dann Deut­scher Meis­ter gewor­den. Weißt du noch gegen wen?

Ja, das weiß ich noch. So vie­le gab es damals ja nicht. Das war ein Team aus Frei­burg. Mit Rai­ner Mül­bert, glau­be ich, hieß er.

Ja, Mug­ges.

Und der … [Micha­el denkt nach und macht eine Hand­be­we­gung vom Kinn zur Brust.]

Kars­ten Köh­ler! Bei der Hand­be­we­gung kann es nur Kars­ten Köh­ler mit sei­nem lan­gen Cas­tro-Bart sein. Das waren die Geg­ner bei Dei­ner Doublette-Meisterschaft?

Ja. Im glei­chen Jahr gab’s auch noch die Tri­plet­te-DM in Saar­lou­is. Da haben wir es auch geschafft.

Das war erneut eine wei­te Reise.

Ich glau­be, wir sind schon frei­tags angereist.

Boris Tsu­r­ou­pa war dein Part­ner im Dou­blet­te und im Tri­plet­te. Wer war der Dritte?

Das war der Bru­der von Boris, Har­ry Tsu­r­ou­pa. Er spiel­te nicht so oft, aber gut genug.

Ich neh­me mal an, dass es die ähn­li­chen Ver­tre­ter im Fina­le waren.

Das weiß ich heu­te nicht mehr. Es waren Saar­län­der, ich glau­be sogar drei Brüder.

Brauch­tet ihr eine Lizenz?

Doch, die gab es schon. Also, da hat­te man sich schon Gedan­ken drü­ber gemacht. Vor allen Din­gen aus ver­si­che­rungs­tech­ni­schen Gründen.

Aber ihr seid dann ein­fach hin­ge­fah­ren. Kei­ner wuss­te, wie vie­le Mann­schaf­ten da sein wer­den. Jeder wuss­te aller­dings, dass es nicht 200 werden.

Also, man muss­te sich da nicht vor­her anmel­den. Das war nicht so wie heu­te. Das Niveau war natür­lich dann auch nicht so wie heu­te. Ich wür­de sagen, Deut­scher Meis­ter wer­den in der ers­ten Hälf­te der 80er Jah­re war so wie heu­te Rhein­land-Pfalz-Meis­ter zu wer­den. So ungefähr.

Du hast die­se bei­den deut­schen Meis­ter­ti­tel gewon­nen. Und wie ging es danach wei­ter? Bist du dann noch wei­ter zu deut­schen Meis­ter­schaf­ten gefahren?

Im Jahr drauf, ja. Da sind wir im Dou­blet­te auch wie­der ins Fina­le gekom­men. Das haben wir aber dann ver­lo­ren. Da habe ich mit einem Freund gespielt aus Ber­lin, Alex­an­der Rich­ter. Tri­plet­te weiß ich jetzt schon gar nicht mehr. Ich bin schon noch zu eini­gen deut­schen Meis­ter­schaf­ten gefah­ren. Dann bin ich aber 1984 nach Frank­reich gegan­gen – für drei Jahre.


Michael Hornickel, 2025

Hier endet der ers­te Teil des Inter­views mit Micha­el Hor­ni­ckel. Ein zwei­ter Teil wird folgen.


  1. Der ers­te deut­sche Pétan­que-Ver­ein wur­de 1963 gegrün­det. Im Mai 1963 beschlos­sen Mit­glie­der der Boules-Spiel­ge­mein­schaft in Bad Godes­berg die Grün­dung des 1. Boules Club „Pétan­que“ Bad Godes­berg e.V.. Details hier­zu sind auf der Web­site des Ver­eins doku­men­tiert. 
  2. Hor­ni­ckel, Micha­el: Jeux de Boules – Petan­que und ande­re Kugel­spie­le, Ver­lag Klaus Guhl, 1980, 120 Sei­ten. 
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